19.07.2006

Kirchenreform ohne Jugendbeteiligung

Kategorie: Jugendforum
Die EKD hat ein Perspektiven-Papier vorgelegt: "Kirche der Freiheit". Damit wird sich die LJV intensiv beschäftigen. Nach erster Sichtung ist klar:Jugendarbeit spielt keine besondere Rolle, es wird eine weitere Pfarrerzentriertheit angestrebt, uns wichtige Themen wie Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung bleiben Marginalien. Daher verweisen wir erstmal auf eine gute Streitschrift von Timo Rieg (Initiator der LJV), die er bereits 1998 veröffentlicht hat und die nun als Manuskript kostenlos im Internet zu haben ist.

Kurzer Auszug:

Kinder-, Konfirmanden- und Jugendarbeit
Mobilität und Patchwork-Mentalität haben nichts daran geändert, daß Kinder- und Jugendarbeit das Herzstück des Gemeindedienstes sein muß. Diese steile These ist keine Wertung von Altersgruppen, sondern ein Postulat für die Zukunft unserer Kirche. Wir dürfen vieles probieren oder lassen, experimentieren oder Prioritäten setzten. Kinder- und Jugendarbeit aber ist, wie die sich daraus schon in Ansätzen zwangsläufig ergebende gottesdienstliche Vielfalt, absolutes Pflichtprogramm. Eine Gemeinde ohne dieses große Arbeitsfeld sabotiert sich selbst - und durch das Finanzierungssystem die gesamte Kirche. Zukunftsfähige kirchendemographische Entwicklung ist ohne Kinder- und Jugendarbeit nicht möglich. Was dies im einzelnen bedeutet und welche Anforderungen sich daraus an die Gemeinden ergeben, kann hier nicht umfassend dargelegt werden. Wiederum nur einige Stichpunkte:

1. Kinder- und Jugendarbeit zielt immer auf mit- oder selbstverantwortliche Teilhabe an Kirche. Dazu sind finanzielle Mittel, ansprechende und gestaltbare Räume, intensive personelle Unterstützung und massenhaft Freiheit notwendig.
2. Kinder und Jugendliche haben ein Anrecht auf ihre Gemeinde. Sie sind keine Bittsteller, sondern (zumeist) Mitglieder. Dennoch klagen auf jedem überregionalen Treffen Jugendmitarbeiter, ihre Hauptaufgabe bestehe darin, sich von ihrem Kirchenvorstand irgendetwas genehmigen zu lassen.

3. Kinder- und Jugendarbeit bzw. ihre Akteure brauchen die volle Wertschätzung ihrer Gemeinde. Was auf dem Papier immer schnell formuliert ist, lebt wenig in der Praxis. Das Votum einer Jungschargruppe zählt nicht weniger als das der Frauenhilfe. Kinder- und Jugendarbeit ist nicht ein Gemeindethema unter unzähligen, sondern ein Dauerbrenner. »Nicht schon wieder Jugendarbeit« kann nur ein Kirchenvorsteher sagen, der lieber ein Museum verwalten statt eine Gemeinde leiten würde.

4. Eine hausgemachte Sollbruchstelle ist die Konfirmandenarbeit. Entweder fehlt es an entsprechenden Angeboten vorher (Kigo, Kindergruppen und Kinderfeste, Freizeiten, Eltern-Kind-Projekte etc.) oder nachher (Jugendgottesdienste, Band-Projekte und Offene Treffs, Jugendvertretungen etc.). In jedem Fall hapert es an Kontinuität. In den meisten Gemeinden gelingt es nach wie vor nicht, die Konfirmandenzeit in die Kinder- und Jugendarbeit einzubinden. Solange Pfarrer ihren »kirchlichen Unterricht« als angestammtes Territorium verstehen und sich ehrenamtliche wie bezahlte Jugendmitarbeiter aus diesem Feld heraushalten, wird jedes Jahr das größt mögliche Potential an neuen Kirchenaktiven aus der Gemeinde hinauskonfirmiert. Und mit ihnen auch die Freunde und Eltern.
Über die theologische Sinnhaftigkeit der Konfirmation mögen sich die Theologen die Köpfe zerbrechen. Einen ganz praktischen Nutzwert daraus zu ziehen, ist Aufgabe der Gemeinde. Alle vernünftigen Ansätze modernen Konfirmandenunterrichts lassen sich in ihrem Ziel zusammenfassen: Die kirchliche Pflichtzeit muß genutzt werden, Jugendlichen Heimat in ihrer Kirche zu geben.