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"Ohne uns sieht Eure Kirche alt aus" - Teil I

Kinder- und Jugendcharta der EKvW

Teil I der Hauptvorlage der Synode der Evangelischen Kirche von Westfalen von 1997 "Ohne uns sieht Eure Kirche alt aus. Kinder - Jugend - Kirche": Die Kinder- und Jugendcharta der Evangelischen Kirche von Westfalen

Liebe Kinder,
wir Erwachsenen haben auf unserer Kirchenversammlung in Bielefeld mit Kindern und Jugendlichen diskutiert. Dabei haben wir viel gelernt. Wir möchten Euch Mut machen, das, was Euch wichtig ist, den Erwachsenen in Eurer Kirchengemeinde zu sagen.

Den Kindern, mit denen wir gesprochen haben, war Folgendes wichtig:
Wir fragen Euch Erwachsene, an welchen Gott Ihr glaubt, ob Ihr ihm vertraut, und was Ihr von Jesus wißt. Wir fragen auch, wann Ihr betet. Wir möchten bei Euren Gottesdiensten und Festen gerne mitmachen. Warum laßt Ihr uns z.B. nicht überall bei Eurem Abendmahl mitfeiern? Wir bitten Euch, uns erst einmal zu verstehen, bevor Ihr uns beurteilt. Außerdem sollt Ihr das vorleben, was Ihr von uns wollt. Wenn Ihr das nicht könnt, müßt Ihr das lernen.

Wir Erwachsenen antworten Euch:
Wir möchten Euch sagen, daß Ihr mit Euren Fragen und Problemen nicht allein seid. Sucht Euch in Eurer Gemeinde Menschen, denen Ihr vertraut. Alle von Euch, ob Ihr getauft oder nicht getauft seid, ob Ihr Mädchen oder Jungen seid, behindert oder nicht, ob Ihr Deutsche seid oder eine andere Nationalität habt, ob Ihr evangelisch oder katholisch seid oder einer anderen Religion angehört - Ihr alle sollt erfahren, daß Gott Euch lieb hat. Ihr habt ein Recht darauf, daß die Kirchengemeinde Euch Räume zur Verfügung stellt, die Ihr auch selbst mitgestalten könnt. Eure Kirchengemeinde muß Geld für Euch ausgeben, z.B. für Kinder, die an einer Freizeit nicht teilnehmen können, weil die Eltern zu wenig Geld haben. Wenn es weniger Geld gibt, sollen Dinge gemacht werden, die weniger kosten, aber es darf nicht aufgehört werden, etwas für Euch zu tun.

Die Landessynode hat sich ebenso wie Gemeinden, Verbände und Kirchenkreise der Forderung nach einem Perspektivenwechsel gestellt und während ihrer Tagung junge Menschen in die Beratungen einbezogen. Dies war für alle ein großer Gewinn. Wir haben gelernt, daß es für die Zukunftsfähigkeit der Kirche unerläßlich ist, junge Menschen an den Beratungs- und Entscheidungsprozessen der Kirche zu beteiligen.

Aus dieser Erfahrung und Einsicht heraus verabschieden wir folgende

Kinder- und Jugendcharta der Evangelischen Kirche von Westfalen
:


1. Die Botschaft Jesu Christi ergeht an alle Altersstufen. Deshalb trägt unsere Kirche Verantwortung für das Leben von Kindern und Jugendlichen in Gemeinde und Gesellschaft. Sie begleitet und fördert Kinder und Jugendliche im Prozeß des Aufwachsens und tritt dafür ein, daß die heranwachsende Generation hoffnungsvoll und zukunftsorientiert ihr Leben gestalten kann.

2. Eine zum Glauben einladende Kirche ist eine kinder- und jugendfreundliche Kirche. Sie läßt sich durch Kinder und Jugendliche prüfen, lernt von und mit ihnen und lädt sie zur Mitgestaltung von Gemeinde und Gesellschaft ein.

3. Das Leben von Kindern und Jugendlichen gestaltet sich facettenreich, widersprüchlich und wird zunehmend von Medien geprägt. Unsere Kirche nimmt wahr, wie Kinder und Jugendliche heute leben und wie sie das Leben erfahren. Unsere Kirche bemüht sich, auf die Pluralisierung der Lebenslagen mit flexiblen Konzepten und Methoden, Kreativität, Kompetenz und Originalität zu reagieren.

4. Besondere Bemühungen gelten Gruppen in unserer Gesellschaft, die in der gegenwärtigen Situation eine geringe Lobby haben und der Anwaltschaft bedürfen. Initiativen und Angebote zur Integration behinderter Kinder und Jugendlicher in Gemeinde und Gesellschaft werden gefördert und unterstützt.

5. Gott schuf den Menschen als Mann und Frau. Kirchliches Handeln berücksichtigt die geschlechtsspezifische Situation und Sozialisation. Dazu gehört neben gemeinsamen Angeboten auch die Entwicklung und Umsetzung von Konzepten für eine Mädchen- und eine Jungenarbeit.

6. Kinder und Jugendliche brauchen Zukunft! Die Armut von Kindern und Jugendlichen nimmt zu. Der Mangel an Arbeits- und Ausbildungsplätzen sowie die Bedrohung der Schöpfung führen zur Verunsicherung der jungen Generation. In der augenblicklichen gesellschaftlichen Diskussion wendet sich unsere Kirche gegen eine Politik der Ausgrenzung, Ungerechtigkeit und mangelnden Zukunfts-chancen für junge Leute.

7. Kinder und Jugendliche brauchen die Begegnung mit glaubwürdigen Menschen. Ein wesentliches Potential der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sind die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Ihre Bereitschaft zum Engagement muß gefördert und erhalten werden. Strukturen partnerschaftlicher Mitgestaltung gehören ebenso dazu wie qualifizierte Aus- und Fort-bildungskonzepte.

8. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen braucht eine angemessene finanzielle und personelle Ausstattung, die eine Planungssicherheit beinhaltet, um Kontinuität und Qualität der Angebote unter veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu sichern.

9. Das Priestertum aller Gläubigen schließt Kinder und Jugendliche mit ein. Unsere Kirche bildet mit ihnen eine Lern- und Lebensgemeinschaft, in der die befreiende Kraft des Evangeliums erfahren werden kann.

10. Unsere Kinder und Jugendlichen bilden zusammen mit den jungen Christinnen und Christen in aller Welt die künftige Erwachsenengeneration des Volkes Gottes. Der Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zum Wohl von Kindern und Jugendlichen in aller Welt ist deshalb ein unverzichtbarer Teil der Kinder- und Jugendarbeit in unserer Kirche.

11. Die Kraft des Heiligen Geistes spricht durch Menschen aller Altersstufen. Deshalb gehören alle der Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi an: Erwachsene, Kinder und Jugendliche sind eingeladen, am Gottesdienst teilzunehmen und ihn mit zu gestalten.

Unsere Kirche braucht Kinder und Jugendliche - Kinder und Jugendliche brauchen unsere Kirche!

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