27.02.1997

"Religionsunterricht fördert Mitmenschlichkeit und Toleranz"

Kategorie: Arbeitsgruppen News
Neue Statistiken des NRW-Landesamtes für Datenverarbeitung und Statistik deuten auf steigende Abmeldezahlen vom Religionsunterricht in Schulen. Was ist dran an den Zahlen und wie steht die Kirche dazu? Landeskirchenrat Dr. Rainer Dinger, als Dezernent verantwortlich für den Bereich Schule und Bildung in der EKvW, äußerte sich zum Thema in der Bielefelder Wochenzeitung "OWL am Sonntag". Hier das Interview in ungekürzter Fassung:

(Übermittelt von der Pressestelle der EKvW)


26.000 von insgesamt 688.000 evangelischen Schülern aller
Jahrgangsstufen der allgemeinbildenden Schulen in NRW nehmen
nicht am schulischen Religionsunterricht teil. Für den
Regierungsbezirk Detmold sind das insgesamt 5,1 Prozent der
evangelischen Schüler. Tut eine solche Zahl der EKvW weh?

Dinger: Ja. Es tut uns Leid um jeden Einzelnen, der auf diese
Möglichkeit verzichtet. Denn der Religionsunterricht hilft, im
Leben zurecht zu kommen: Er fördert Mitmenschlichkeit und
Toleranz und hilft, die eigene Überzeugung zu wichtigen Fragen
zu finden und diesen Fragen nicht auszuweichen. Aber abgesehen
davon: Die Zahlen des Landesamts für Statistik beruhen auf
Erhebungen bei den Schulleitungen. Wir haben Anlass, diese
Angaben zu bezweifeln: Nach unseren eigenen Recherchen liegt
die Abmeldequote vom evangelischen Religionsunterricht im
Durchschnitt unter vier Prozent.

Unsere Zweifel an der Statistik des Landesamtes haben folgende
Gründe: Für die Jahrgangsstufe 13 wird eine Abmeldequote von
über zwölf Prozent angesetzt. Faktisch ist aber in der
Jahrgangsstufe 13 die Pflichtbindung aufgehoben, weil vier
belegte Kurse in der 11 und 12 ausreichen. Im Ergebnis werden
daher in der 13 fast nur noch dort Religionskurse angeboten, wo
sich Schülerinnen und Schüler für Religion als schriftliches
oder mündliches Abiturfach entschieden haben. Mit anderen
Worten: Wenn Schüler nicht mehr am Religionsunterricht
teilnehmen müssen, können sie sich auch nicht abmelden. Deshalb
ist nicht nachvollziehbar, wie es hier zu einer Abmeldequote
von 12,5 Prozent kommt.

Auch für die Jahrgangsstufen 11 und 12 ist unklar, wie die
Abmeldequote von 10,3 und 10,32 Prozent entsteht. Vermutlich
hat die Statistik die Teilnahme evangelischer Schülerinnen und
Schüler am Philosophieunterricht als Abmeldung gewertet. Da
aber nur sehr selten die Teilnahme am Religionsunterricht und
am Philosophieunterricht überhaupt möglich ist (diese Fächer
werden meist zeitgleich erteilt), ist hier eher von einer
Wahlentscheidung zugunsten von Philosophie als von einer
Abmeldung vom Religionsunterricht auszugehen.
Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Zahl der Abmeldungen
vor allem in den Jahrgangsstufen neun und zehn sprunghaft
ansteigt?

Dinger: Im Alter von 14 bis 15 sind viele Schülerinnen und
Schüler bekanntlich in einer Phase der Opposition gegen bisher
Vertrautes: Eltern, Lehrer, Institutionen, überlieferte Normen
und Maßstäbe. Das ist ein natürlicher Entwicklungsschritt. Für
manche gehört dazu auch die Opposition gegen alles, was mit
Kirche zu tun hat. Und dazu passt, dass viele nach ihrer
Konfirmation wenig Lust auf Religionsunterricht in der Schule
haben. Dennoch: Die uns für die 9. und 10. Jahrgangsstufe
vorgelegten Zahlen dürften im einzelnen nach unten zu
korrigieren sein. Wir haben es mit einer zweifachen Entwicklung
zu tun: Einerseits eine Beliebigkeit, die alles gelten lässt -
gleichzeitig ist ein neues Interesse an Spiritualität und
Fragen nach Gott unverkennbar. Und deshalb nehmen viele
konfessionslose oder andere Schüler, die nicht evangelisch
sind, am evangelischen Religionsunterricht teil. Ihre Zahl ist
in keiner Statistik erfasst.
Inwieweit mischt sich die EKvW in die Gestaltung der Lehrpläne
für den Religionsunterricht ein? Wie zeitgemäß bzw. modern ist
der Unterricht?

Dinger: Wir sind nach dem Grundgesetz mitverantwortlich: Es
legt fest, dass der Religionsunterricht "in Übereinstimmung mit
den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt" wird. Es
war eine weise Entscheidung der Väter unseres Grundgesetzes,
dies als Grundrecht zu verankern. Denn wenn die Inhalte
religiöser Erziehung dem Staat überlassen blieben, müsste er
seine weltanschauliche Neutralität aufgeben. Deshalb gestalten
wir das Fach Religion mit. Dazu verfügt die Evangelische Kirche
von Westfalen über ein innerkirchliches Unterstützungssystem,
das die Qualität des Religionsunterrichts zusehends verbessert.
Es gibt in Westfalen (und ebenso in Lippe) ein gut ausgebautes
Netz von kirchlichen Mediotheken, wo Lehrerinnen und Lehrer
Hilfen für den Religionsunterricht ausleihen können. Die
Fortbildung der Religionslehrerinnen und -lehrer ist durch das
Pädagogische Institut in Villigst und durch das Netz von
Schulreferenten in den Kirchenkreisen gut organisiert und wird
auf hohem Niveau mit großen Teilnehmerzahlen durchgeführt.

Drängende Fragen unserer Zeit, die nach Entscheidungen
verlangen, sind Thema des Religionsunterrichts: Was kann ich
rassistischer oder religiös verbrämter Gewalt entgegensetzen?
Nach welchen Methoden arbeiten Sekten? Was kann ich den
Rattenfängern aller Couleur erwidern, die mit einfachen
Antworten auf komplizierte Fragen locken? In keinem anderen
Schulfach erfahren Schüler solche Orientierung und lernen
dabei, ihren kritischen Verstand einzusetzen, sich ein Urteil
zu bilden und ihr Gewissen zu schärfen.

Gefahr droht dem Religionsunterricht weniger durch das
Abmeldeverhalten der Schülerinnen und Schüler als durch den
Ausfall wegen Lehrermangels. Oder wegen der zunehmenden
Konzentration auf Mathematik, Deutsch, Sprachen und
Naturwissenschaft. 95 Prozent der evangelischen Schülerinnen
und Schüler nehmen am Religionsunterricht teil, obwohl sie sich
abmelden könnten. Wie sähe das Ergebnis wohl aus, wenn die
Schüler zwischen Freistunden oder Mathematikunterrichtentscheiden dürften?