24.11.2004

Warum Selbstorganisation sein muss – ein Plädoyer aus: "Wir mischen uns ein", Reihe Quadratischer LJV-Reader

Kategorie: Allgemein, Jugendarbeit, LJV intern
Die Interessen von Kindern und Jugendlichen sind in Westfalen bestens vertreten – könnte man meinen. Schließlich ist unsere Landeskirche presbyterial-synodal aufgebaut, das hört sich doch fast so an wie basisdemokratisch.

Alles ist ganz einfach: Jugendliche und deren Personensorgeberechtigten wählen natürlich bei Presbyteriumswahlen den Vertreter oder die Vertreterin, der/die sich für ihre Belange am besten einsetzt.
Kleine Einschränkung, die Jugendlichen ab 16 natürlich und auch nur dann wenn die Wahlen stattfinden, das war nämlich bei den letzten Presbyteriumswahlen 2000 in knapp jeder dritten Gemeinde der Fall.
Schwamm drüber! Jedenfalls ist doch für jeden gesorgt – weil nämlich diese gewählten Gemeinde-Vertreter wieder Menschen für den Kirchenkreis wählen und die dann die Menschen für die Landessynode bestimmen.

Die Vertretung der Interessen von Kindern und Jugendlichen ist also bis in die oberste Ebene sichergestellt. So die graue Theorie, das Erleben sieht natürlich ganz anders aus: Wenn es einen vorherrschenden Eindruck von Jugendlichen über kirchliche Entscheidungsstrukturen, Presbyterien insbesondere, gibt, dann doch diesen: „Unsere Probleme interessieren niemanden, alles andere ist viel, viel wichtiger.“
Die neue Einrichtung des Jugendraumes oder das leidige Problem, wer einen Schlüssel für das Gemeindehaus haben darf, treten hinter verstopften Dachrinnen und dem unregelmäßig geleerten Bio-Müll zurück.
Und wenn die Jugendlichen einmal selbst zum Zuge kommen, vielleicht Jugendpresbyter werden, dann merken sie schnell: sie werden gerne als Jungbrunnen für verstaubte Gremien betrachtet – das übrigens auf allen Ebenen: gemeindlich, kreis- oder landeskirchlich. Aber ihre Ideen scheitern meist an den oft beschworenen Sachzwängen, dem Geld oder der Bequemlichkeit.

Kirchliche Strukturen sind höchst unattraktiv für junge Menschen, da gibt es nichts zu beschönigen.
Folge: Die Jugendlichen bleiben einfach fern und denken sich ihren Teil. Jetzt aber kirchlicherseits die Interessensvertretung Jugendlicher ganz in die Hände der Mittelsfrauen und –männer zu legen, die in geradezu elterlicher Fürsorge genau zu wissen meinen, was ihre Schützlinge brauchen, wäre schlicht der falsche Weg.

Jugendliche können ihre Dinge selbst regeln und man muss es ihnen zumuten. Diesen Gefallen sollte Kirche ihnen tun. Die Jugendlichen müssen dafür eigene Organisationsformen entwickeln und ausprobieren. Was sie nicht brauchen, sind zugewiesene Spielwiesen. Worüber sie entscheiden, muss schon Gewicht und Konsequenzen haben: also etwa der Jugendetat der Kirchengemeinde und die Dienstordnung des Jugendreferenten.
Die Jugendlichen sind ohnehin die Experten, wenn es um die eigene örtliche Jugendarbeit geht. Weil sie eben die Kindergruppe leiten, hinterm Tresen im offenen Treff stehen oder Freizeiten leiten. Als solche Experten müssen sie auch behandelt werden.

Eine Kirche, die das Ernst nimmt, leistet damit einen unschätzbaren gesellschaftlichen Beitrag, bringt Christenmenschen hervor, die es gelernt haben, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Dabei handelt es sich um einen ganz normalen Akt, den andere Organisationen und Betriebe schon längst kennen: Entscheidungen, sofern sie getroffen werden können, müssen dahin, wo sie hingehören. In unserem Falle – zu den Jugendlichen selber.

  • Entscheidungen über die für die Jugendarbeit zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel;
  • Entscheidungen über die Einstellung der Jugendreferentin und über die Ausgestaltung dieser Stelle;
  • Entscheidungen über Anschaffungen und Aktionen;
  • Entscheidungen über Inhalte, Profile und Ziele der gemeindlichen Jugendarbeit.
  • Kaufen wir eine Deckenleuchte oder einen Wandteppich?
  • Machen wir eine Sommerfreizeit oder eine Kinderferienaktion?
  • Macht unser Hauptamtlicher eine Jugendgruppe oder sitzt er im kreiskirchlichen Jugendausschuss?
  • Gibt’s die Cola im Offenen Treff aus Flaschen oder Dosen?

Entscheidungen müssen dahin, wo sie hingehören. Um das zu gewährleisten, so das simple Fazit, braucht es selbständige Jugendvertretungen. Dort soll es möglich sein, dass Jugendliche auch wirklich unter sich tagen können, um ihre Belange selbst zu regeln. Jugendselbstvertretungen sollten überall dort entstehen, wo evangelische Jugend draufsteht.

Von Christoph Urban