20.12.2004

Warum Mitmischen - Grundsätzliches zur Partizipation

Kategorie: Allgemein
„Die verschiedenen Ämter der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes.“ (Vierte Barmer These)

Der größte Dienst der Kirche an ihrer Jugend ist, ihr eine Heimat zu bieten. Kirche muss die Beteiligung Jugendlicher an ihren Entscheidungsstrukturen als große Chance und nicht als lästiges Übel begreifen.

Als Chance nämlich vor allem für junge Menschen, die darin verantwortliches Miteinander lernen und Demokratie einüben können – der nachhaltigste gesellschaftliche Beitrag kirchlicher Jugendarbeit. Und als Chance für sich selbst: Denn eines ist sicher, wachsen gegen den Trend – und eine Kirche, die sich selbst Ernst nimmt, wird das wollen – wird Kirche nur, wenn sie sich verstärkt jungen Menschen zuwendet.

Bei allen Strukturüberlegungen [in der ev. Jugend, Anm.] darf es also nicht nur um Formalien gehen, sondern um eine aktive Förderung der Jugendarbeit. Strukturen evangelischer Jugendarbeit müssen einerseits alle Beteiligten berücksichtigen, andererseits effizient arbeiten können. Dabei müssen vor allem diejenigen in den Blick geraten, die bisher draußen stehen: große Teile der ehrenamtlichen Jugendmitarbeiter, Konfirmanden und Eltern.

Dazu müssen Strukturen und Entscheidungen, anders als jetzt, transparent und nachvollziehbar sein. Keinesfalls ist evangelische Jugendarbeit hierarchisch. Gemeinden ohne Jugendarbeit darf es nicht mehr folgenlos geben. Darin muss auch die Gesamtkirche eine Verantwortung übernehmen.

Die Zusammengehörigkeit der verschiedenen Verbände, der Gemeinden und Kirchenkreise gehört verstärkt. Es kann nicht sein, dass kirchliche Angebote in der Kinder- und Jugendarbeit ohne Kenntnis voneinander und unvernetzt nebeneinander herlaufen. Die Selbstorganisation von Jugendlichen soll weiter gefördert.

Das alles muss bei den anstehenden Reformen bedacht werden. Aber damit ist es nicht getan. Das Thema Jugend geht die gesamte Kirche und nicht nur den so genannten Jugendverband „Evangelische Jugend“ etwas an. Schließlich nehmen Jugendliche Kirche auch als Ganzes wahr und haben Interessen über den kirchlichen Jugendverband hinaus. Es ist an der Zeit, verbriefte Formen jugendlicher Selbstbestimmung und Beteiligung an der Gesamtkirche zu schaffen:

Kindern und Jugendlichen steht innerhalb ihrer Gemeinden Raum zur freien Entfaltung zur Verfügung: zeitliche Nutzung und optische Gestaltung müssen in vereinbartem Rahmen ebenso wie die inhaltliche Ausprägung von der Jugend autonom geregelt werden können. Mindestens dort, wo Gebäudeteile für die staatliche Förderung als Jugendräume ausgewiesen werden, muss dies auch öffentlich eingefordert werden.
Für die Selbstorganisation der Gemeindejugend gibt es viele erprobte Formen, auch in und aus Westfalen. Von der Idee, Erwachsene zu bitten, für Jugendliche Strukturen zu schaffen, sind wir schon lange weg. Aber die Unterstützung beim Aufbau von Vollversammlungen, Mitarbeiterkreisen, Leitungsteams oder Vorständen darf von Presbyterien, Pfarrern und insbesondere Jugendreferenten erwartet werden, ohne dass sich diese dabei selbst in den Vordergrund drängen.
Am wenigsten in die Gemeinde integriert sind bisher die Konfirmandinnen und Konfirmanden. Nur wenige Kirchengemeinden, machen vor, wie es geht: Konfis als Teil der Gemeinde zu sehen, als Gruppe, die mit Recht auch Ansprüche anmelden kann und soll. Konfirmanden gehören als Kinder oder Jugendliche zur Gemeindejugend, in deren Strukturen sie bisher kaum vorkommen. Konfirmandenarbeit ist das gemeinsame Feld der missionarisch-pädagogischen Bemühungen der Älteren um den Nachwuchs und der Jugendarbeit als Summe jugendlicher Aktivitäten in der Kirche.
Die Teilnahme an den Presbyteriumswahlen – eine alte Forderung – muss spätestens konfirmierten Jugendlichen möglich sein und nicht erst wie jetzt ab 16. Und: Jugendliche gehören auf die Synode. Die Kirchenleitung hat die Möglichkeit dazu, nimmt sie aber bisher nicht wahr.

Die Jugend in der Kirche ernst zu nehmen verlangt, sie unbürokratisch an der Gestaltung ihrer Kirche zu beteiligen: im Presbyterium, im Kirchenkreis, in der Kirchenleitung. Einige Bundesverbände ohne großes Seniorenversorgungswerk und z.T. sogar die Politik zeigten, wie auf die Kompetenz junger Leute gebaut werden kann, ohne sie in überalterten und überholten Strukturen auszuhungern oder einfach nur zu entnerven.

Viel schwierigen und wohl kaum per Erlass zu klären, ist das Klima. Wir müssen eine Atmosphäre des Vertrauens herstellen, in der es leichter fällt, Macht abzugeben. Denn wir haben im Bereich der kirchlichen Jugendarbeit zu viele Funktionäre und zu wenig Dienstleister in den Entscheidungsgremien.

Die von der Reformvorlage „Kirche mit Zukunft“ geprägte „Mitgliederorientierung“ (vgl. Synodenbeschlüsse 2001) hieße hier vornehmlich, die Mitglieder selbst machen zu lassen – nämlich die Jugendlichen.

Von Christoph Urban