24.02.2009

LJV und Hauptamtliche - Klarstellung zur Diskussion

Kategorie: Allgemein, LJV intern
„Landesjugendvertretung? Ach, ihr seid doch die, die Hauptamtliche abschaffen wollten, oder - ?“ Das haben wir schon manches Mal gehört und uns gedacht: „Genau, und die Erde ist eine Scheibe.“ Dass die LJV mit der Kritik an Hauptamtlichkeit in Verbindung gebracht wird, hat vermutlich mit vielen Dingen zu tun: einer Kritik an manchen Hauptamtlichen seitens der LJV, einigen hitzigen Köpfen, die sich verteidigen, bevor sie zuhören, und einer ebenso sensiblen Reaktion darauf, dass der ehrenamtliche Geschäftsführer der LJV in seinem Berufsleben auch noch gelegentlich über jugendarbeitsnahe Themen publiziert. Deshalb hier nochmal in Ruhe...

Der Landesjugendvertretung wird manchmal vorgeworfen, sie fordere die „Abschaffung von Hauptamtlichen“. Das ist aber nicht der Fall. Sie sind so schnell nicht entbehrlich. Was wir aber kritisieren ist, dass berufspolitische Interessen in den Gremien der Evangelischen Jugend vertreten werden – und das alles unter dem Deckmantel „der Evangelischen Jugend“.
Dazu noch kritisieren wir, dass es eine einzelne Berufsgruppe ist, welche alle möglichen Debatten in Gremien dominiert, obwohl an Kirche und an Jugendarbeit noch viele mehr beteiligt sind.
Wir erleben immer wieder, dass dabei eine einheitliche Evangelische Jugend dargestellt werden soll, die durch Imagekampagnen oder große Reden sanft pädagogisch aufoktroyiert wird – und zwar nicht von Jugendlichen, sondern von denen, die auf der Straße eher nicht als Evangelische „Jugend“ erkannt würden, sondern bestenfalls als deren Vati.
Jugendliche selbst wissen zwar die Gemeinsamkeiten und geteilten Interessen zwischen ihnen und anderen (evangelischen) Jugendlichen zu schätzen und haben nicht nur auf dem Kirchentag gemeinsam Spaß. Von jugendlicher Seite haben wir aber noch nie das Verlangen gehört, Geld, das für Jugendarbeit bestimmt ist, in ein Corporate Design und für für erwachsene Politiker bestimmte Give-aways zu investieren.

Wir erleben oft nicht, dass die Strukturen „der“ so genannten Evangelischen Jugend daran interessiert sind, neue Ideen anzuerkennen und sich weiter zu entwickeln oder gar zu verändern. Das entspricht unserer Einschätzung nach nicht den Prinzipien von Jugendarbeit, sondern eher denen einer Friedhofsgärtnerei.

Wir erleben vielfach, dass in eingefahrenen Gremien wenig Raum ist, neue Ideen zu besprechen und eine konstruktive Auseinandersetzung über Forderungen, Kritik und Wünsche kaum möglich ist. Streit wird in erster Linie vermieden. Oder man macht geschlossen, auch schön pädagogisch, die  Ideen und dreisten Einfälle der einzelnen Jugendlichen runter. Um die Sache, die Themen, die Inhalte, die Jugendarbeit, geht es da kaum.
Ansonsten werden Machtspielchen gespielt. Machtkämpfe, die dadurch entschieden werden, wer am längeren Hebel sitzt bzw. es sich leisten kann, Kooperation zu verweigern. Wir haben erlebt, wie ein guter Vorschlag zur Beteiligung Jugendlicher an der Landessynode in der Evangelischen Kirche von Westfalen nur deshalb von der Jugendkammer geblockt wird, weil sie vorher nicht gefragt wurde. Eine inhaltliche Auseinandersetzung fand kaum statt, die darin enthaltenen Forderungen wurden fast vollständig ignoriert. Das mag alles an sich kein kirchliches Problem sein - es reicht anzuerkennen, dass es in diesen Dingen innerhalb der Kirche nicht besser zugeht, als außerhalb.

Wir erleben, dass „Jugendvoten“ per se von hauptamtlichen Pädagogen gemacht werden. Sie bestimmen, was in und out ist, what’s hot and what’s not. Alles freilich im Namen der Jugendlichen, die natürlich am besten wissen müssten, was bei ihnen angesagt ist.

Hier setzt der von Timo Rieg geschriebenen Aufsatz „Hauptamtliche in der evangelischen Jugendarbeit“ an, dem wir in vielen Punkten zustimmen.

Es bedarf aus den oben genannten Gründen reiner Jugendgremien, wie von Timo Rieg vorgeschlagen, in denen sich Jugendliche frei artikulieren können und durch die die Institution Kirche auch die Stimme der Jugendlichen zu Gehör bekommt und nicht durch den Filter von selbsternannten Jugendvertretern. Alles unter dem Stichwort, „wir reißen uns hier für Euch den Arsch auf“.
Das heißt nicht, dass auf Landesebene jede Entscheidung nur von Jugendlichen gemacht werden soll und kann. Nicht alle Jugendlichen sind, vor allem nicht immer und bei jedem Thema, scharf darauf, ihre Zeit in Gremien abzusitzen.
Es muss aber die Möglichkeit bestehen, dass die Jugendvoten ernst genommen werden und dass sie sich und ihre Ideen auch mal entwickeln können, ohne von vorneherein vom pädagogischen Stachel vertrieben zu werden.

Wir erleben, dass Einladung für Schulungen zur Weiterqualifizierung von ehrenamtlichen Jugendmitarbeitern (Juleica) nur deshalb nicht von einigen Ämtern für Jugendarbeit an mögliche Interessenten weitergegeben werden, weil die Seminare im Falle unseres Verbandes eben von Ehrenamtlichen organisiert und durchgeführt werden – ohne jede Beteiligung Hauptamtlicher.

Wo Timo Rieg vielleicht vorschnell urteilt ist beim Stichwort Jugendkirche. „Jugendkirche“ scheint für den Autor für kirchliche Zentralisierung zu stehen. Das muss nicht so sein. Das Problem liegt nicht daran, dass eine Jugendkirche eröffnet wird. Das eine hat mit dem anderen wenig zu tun. Es kann aber im Verständnis von Jugendarbeit liegen. Uns ist zwar schon begegnet, dass Jugendarbeit in der Fläche auf Kosten der Jugendkirche einbüßen musste. Und das ist Mist. Aber das wäre vielleicht auch passiert, wenn nicht in die Jugendkirche investiert worden wäre.
Eine konzeptionelle Frage ist: will man nur noch Event-Zentren anstatt lokale Jugendarbeit? Oder legt man Wert darauf, dass Jugendarbeit Kriterien erfüllt wie: sind die Angebote für alle zu erreichen? Können Leute sich selbst etwas aufbauen oder wartet man nur auf das Unterhaltungsprogramm? Wer bestimmt eigentlich, was an dem Ort läuft?
Wie, also als was Jugendarbeit verstanden wird oder sie sich selbst versteht, muss nichts unbedingt etwas damit zu tun haben, ob sie sich in Zentren trifft, im Gemeindehaus, im Wohnzimmer oder an der Bushaltestelle.

Die Umsetzung der Forderung des Autoren Timo Rieg, Gremien so zu strukturieren, dass nicht das berufliche Fortkommen einzelner Gremienjunkeys gefördert wird, halten wir für schwer umsetzbar.
Es wäre zwar schön, wenn man wüsste, dass keine_n der ehrenamtlichen Jugendlichen das Interesse in Gremien treibt, sich um sein berufliches Fortkommen zu kümmern. Hier vermischen sich ehrenamtliches Engagement und berufliche Ambitionen aber viel zu oft viel zu sehr, um das zu trennen.
Der beste Weg, nicht nur die Interessen einzelner im Vordergrund stehen zu lassen, ist sicherlich, eine Vielfältigkeit zu fördern, echte Diskussionen stattfinden zu lassen und nicht nur Lobbyismus, Interesse an Problemlösungen zu zeigen und solche Diskussionsrunden vielfältig zu besetzen. Dabei hilft auch, aber nicht allein, eine Quotierung, besonders aber Vielseitigkeit und Offenheit.
Der Zeitpunkt, an dem sich zu viele Jugendliche darum geschlagen hätten, Gremien zu besetzen, ist noch nicht gekommen.
Die vielen hauptamtlichen Bemühungen, Jugendliche aus Kirchenpolitik zu verschrecken und ihnen die Lust am selbstbestimmten Engagement zu nehmen, halten wir insofern für nicht nötig.

(Text erstellt beim LJV-Treffenam 15. September 2007 in Hattingen, Update der AG Ehrenamt und Hauptamtlichkeit am 21. Februar 2009)