20.12.2004

Laufzettel zur Gründung einer Gemeindejugendvertretung (GJV)

Kategorie: Jugendarbeit
Also, mal der Reihe nach. Ihr wollt eine Gemeindejugendvertretung gründen? Wunderbar! Patentrezepte gibt es da natürlich nicht, aber das hier kommt dem schon sehr nahe.

Der erste Streich

Menschen
Zunächst sind natürlich die Leute das wichtigste, die man brauch, um wirklich ernsthaft sagen zu können, man sei jetzt die neue Jugendvertretung (GJV als One-Man-Show kommt verständlicherweise nicht so gut und hat freilich nichts mit Demokratie zu tun).
Also, die Leute. Sie sollten aus möglichst allen Gruppen der gemeindlichen Jugendarbeit kommen. Das ist nicht nur in der späteren Arbeit hilfreich, sondern es beugt auch dem vor, dass sich nicht irgend jemand übergangen oder nicht gefragt fühlt (Das ist sehr wichtig bei Kirchens). Selig, wer einen Mitarbeiterkreis oder eine Jugendvollversammlung vor Ort hat, denn das erleichtert es ungemein, die Leute anzusprechen.

Hat man erst mal die entsprechenden Leute im Visier, geht es daran, Überzeugungsarbeit zu leisten. Mit platten Parolen („Wir sind das Volk, keine Macht für Niemand!“) wird hier kein Blumentopf zu gewinnen sein. Ihr müsst schon ganz genau wissen, warum es eine GJV in Euer Gemeinde brauch (Dass dem so ist steht natürlich außer Frage, aber begründen muss man es halt können). Es wird genug Leute geben, die das überhaupt nicht interessieren wird, nicht abschrecken lassen. Andere (auch Jugendliche) werden finden, dass es in der Jugendarbeit Euer Gemeinde doch eigentlich ganz gut liefe und eine Menge Mitsprachemöglichkeiten habe man schließlich auch. Solche oder ähnliche Einwände werden gegen eine GJV kommen, dagegen argumentieren kann man nur aus der jeweiligen Gemeindesituation heraus.

Harte Arbeit liegt vor Euch, aber keine Mission Impossible.

Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich.


Der zweite Streich:

Vorbereitungstreffen
Die Mitstreiterinnen und Mitstreiter sind gefunden, jetzt ist ein erstes Treffen in größerer Runde angesagt. Dazu muss natürlich eingeladen werden. Hier sollten sich alle Beteiligten noch mal zusammen auf das Ziel einschwören, eine Jugendselbstvertretung zu gründen.

Bei diesem Vorbereitungstreffen müssen die Rahmendaten Eurer Jugendselbstvertretung geklärt werden.

Wie setzt man sich zusammen?
Wie oft trifft man sich?
Was für eine Satzung gibt man sich?
Was will man überhaupt erreichen?
Wie tritt man anderen Gruppen in der Gemeinde gegenüber auf, etc.?

Beim Stichwort Satzung seid bitte nicht abgeschreckt, es handelt sich im wesentlichen dabei um Regeln, die man gemeinsam festsetzt. Alle diese Fragen müssen verhandelt werden, damit es auf der Konstituierenden Sitzung (= Gründungsversammlung) keine Unstimmigkeiten gibt, denn die sind der Tod im Topf (2. Könige 4, 40) für eine frische GJV.

Am Ende sollte froher Mut und ein Termin für die Konstituierende Sitzung stehen, verbunden mit genauen Vorstellungen über die Fragen, die zu klären waren.

Dieses war der zweite Streich, doch der dritte folgt sogleich.


Der dritte Streich:

Gründungsversammlung - Die Konstituierende Sitzung.
Wieder sind schriftliche (!) Einladungen vonnöten. Eine Tagesordnung ist ebenso notwendig, wie die Vorlagen (eine Satzung etwa), über die abzustimmen sind. In jedem Fall solltet Ihr einen Vorstand / Sprecherrat mit Vorsitzender oder Vorsitzendem benennen, sowie die Satzung beschließen. Alles das wird natürlich fein säuberlich von einer Protokollantin / einem Protokollanten festgehalten.

Das war es eigentlich schon, fehlt noch ein Termin für die erste ordentliche Tagung. Jetzt kann gefeiert werden!

Dieses war der dritte Streich, doch der vierte folgt sogleich.


Der vierte Streich:

Ziele abstecken
Auf der ersten ordentlichen Tagung solltet ihr euch klar werden, was ihr eigentlich erreichen wollt. Die Ziele einer GJV sollten möglichst eindeutig gefasst werden. Sicher sollte Mitbestimmung an vorderer Stelle stehen. Die genaue Ausgestaltung muss geregelt werden.

Sollen künftig Paule oder Lissy das Presbyterium in Sachen Jugend beraten?
Oder wie kann Mitbestimmung ganz konkret in euer Gemeinde aussehen? Ein notwendiges Übel ist das leidige Thema Geld. Wie kommt man daran?

Auf Dauer braucht man natürlich welches, sonst scheitert die Arbeit an der berühmten Mack für den Brief. Es werden sicher Verhandlungen mit dem Presbyterium und den Jugendreferenten über einen Etat (der Geldbetrag, der einer Gruppe zur Verfügung gestellt wird) laufen müssen. Das muss vorbereitet werden.

Goldene Regel für den Umgang mit Menschen in Funktion: „Beiße nie in die Hand, die Dich füttert – jedenfalls nicht zu feste!“ Dabei sollte auch die inhaltliche Arbeit auf der ersten Tagung nicht zu kurz kommen. Einmal ist es natürlich der Zweck einer GJV, sich mit Inhalten und nicht nur mit Geld zu beschäftigen, andererseits muss man auch sozusagen in Vorleistung gehen bei den Menschen, „deren“ Kohle man will. Diese Vorleistung könnte als Beispiel darin bestehen, dass man sich mit den Jugendgottesdiensten in der Gemeinde auseinandersetzt. Einen kleinen Fragebogen erstellt, die Aktion durchgeführt und nachher dem Presbyterium vorgelegt: „Wie finden die Jugendlichen den Gottesdienst und was hätten sie gerne anders?“ (Ach, in euer Gemeinde gibt es keine Gottesdienste für Jugendliche? Dafür kann man sich stark machen. Verbunden mit der gleichen Aktion, nur eben unter der Fragestellung: „Wie sollten Gottesdienste für Jugendlich in unserer Gemeinde ausschauen?“)

Das dient nur als Beispiel, ihr werdet sicher Sachen finden, die in euer Gemeinde gerade angesagt wären.

Dieses war der vierte Streich, doch der Fünfte folgt sogleich.


Der fünfte Streich:

Stichworte zur Weiterarbeit
Weit gefehlt, wenn Ihr gedacht hattet, es sei nun alles gelaufen.
Der wirklich wichtige Part fängt jetzt erst an. Das Stichwort heißt Legitimation (˜ Anerkennung). Allenthalben wird jetzt Druck auf das zarte Pflänzchen GJV ausgeübt werden.
D. h. man wird sich riesig freuen, dass es euch gibt, aber gleich auch klarstellen, wer das Sagen hat. Eigentlich ist es egal, wer es ist. Das Presbyterium, Jugendreferenten und –pfarrer oder der Küster, die Eröffnung des Spiels ist immer die selbe.

Zuerst wird die allseits beliebte Legitimations-Karte gezogen, die besonders gerne gespielt wird, wenn jemand Geld oder Mitbestimmung will. Und ihr wollt beides! Kurz der Tenor der anstehenden Diskussionen: „Wir können nicht, euch Geld geben / euch Ernst nehmen / einen von euch ins Presbyterium lassen, wenn ihr nicht vorher von XY legitimiert worden seid / das Evangelium bezeugt habt / einen Salto vorwärts könnt.“ Alles Diskutieren bringt nur bedingt etwas. Man sollte sich mit allen Kreisen in der Gemeinde, die etwas zu bestimmen haben aussprechen, sich vorstellen, aber auf keinen Fall rechtfertigen.

Ihr könnt immer betonen, dass ihr freie, evangelische Christenmenschen seid, die sich nur vor Gott und dem Herrn Jesus Christus zu rechtfertigen haben. So, oder so ähnlich. Mit der Zeit kommt nicht nur Rat, sondern auch alles weitere: Geld und Mitbestimmung. Dabei muss die Arbeit natürlich fluppen, möglichst erfolgreich versteht sich. Garant dafür ist ein denkbar simples Mittel: Eure Stimme muss so laut sein, dass man euch überhaupt nicht überhören kann. Eine GJV darf sich nicht anbiedern, sie muss sich so positionieren, dass man einfach nicht an ihr vorbei kommt!

Das kann man auf unterschiedliche Weise erreichen. Bewährt hat sich ein Ragout aus überzeugender inhaltlicher Arbeit, Außenwirksamkeit durch die lokale Presse, gute Kontakte pflegen, ab und an eine witzige Aktion und ein geeignet Maß Selbstbewusstsein, manchmal Dreistigkeit. Überhaupt ist es ratsam, sich möglichst bald nur noch auf die inhaltliche Arbeit zu konzentrieren, mit strukturellen Problemen (Presbyterium, Delegationen, Formalkram) darf sich der Vorstand rumschlagen.

Das ist auch ein gutes Stück Mitarbeitermotivation, denn alles andere wird auf die Dauer dröge. Ja, Mitarbeitermotivation wird neben dem Finden von aktuellen und interessanten Themen zu denen man debattieren und sich äußern kann, das A und O sein. Eine GJV muss so gestrickt sein, dass die Leute, die sich gerade in ihr engagieren sie als ihre je eigene Form der Beteiligung ansehen. Das heißt sie muss immer ein Stück „work in progress“ sein, also nie richtig fertig und immer offen für die Gestaltung der Teilnehmenden.

Aber das allerwichtigste ist, eine GJV muss Spaß machen. Das ist wohl auf Dauer gesehen, die einzige Möglichkeit, nicht so langweilig zu werden, wie der Rest dieser Gremienwelt. So verlockend es auch ist, sich der Sicherheit wegen in feste Strukturen einbinden zulassen.

Dieses war der fünfte Streich, doch der letzte folgt sogleich.

Ihr seid nämlich dran!