15.08.2007

Hauptamtliche in der evangelischen Jugend

Kategorie: Jugendarbeit, Allgemein
Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker, Prodekan des Fachbereichs Soziale Arbeit und Gesundheit an der Fachhochschule Kiel, forscht seit vielen Jahren zu Partizipation in der Jugendarbeit. Er war auch an der großen Studie "Realität und Reichweite von Jugendverbandsarbeit" beteiligt. Fürs Deutsche Pfarrerblatt sprach Timo Rieg mit ihm über Bedeutung von und Anforderungen an Hauptamtlichkeit in der evangelischen Jugend

Siehe hierzu auch den Aufsatz "Hauptamtliche in der Jugendarbeit", der diesem Interview zugrunde liegt.

Das Interview im Wortlaut:

 

Timo Rieg: Überall hören wir Klagen, Jugendliche seien kaum noch für langfristige Mitarbeit in der evangelischen Jugend und vor allem ihrer Gremien zu gewinnen etc. Wie schlimm steht es denn um die Jugend?

Prof. Benedikt Sturzenhecker: Diese Klage fußt auf einem Vorurteil. Es stellt sich in allen Untersuchungen genau das Gegenteil heraus: 30 bis 40% der Jugendlichen sind zu ehrenamtlichem Engagement bereit - allerdings stellen sie bestimmte Bedingungen an dieses Engagement. Es muss ihnen vor allem Spaß machen, damit meinen sie: sie wollen selbst bestimmen können, was sie tun, und sie wollen dies gemeinsam mit ihren Freundinnen und Freunden tun.
Dann kommt hinzu: Sie wollen sich nicht lebenslang verpflichten, es müssen überschaubare Zeiträume sein, und ein Ausstieg muss wieder möglich sein. Darauf müssen sich die Jugendverbände einlassen.

Rieg: Und wenn ich nun beispielsweise für ein Jugendgremium auf Landeskirchenebene keine Jugendlichen finde?

Sturzenhecker: Dann stimmt möglicherweise irgendetwas an Setting und Stil nicht, es ist für die Jugendlichen nicht attraktiv genug und vielleicht ist auch der Weg von der Basis in ein solches Gremium nicht transparent genug.

Rieg: Jugendliche sind also engagiert. Wie weit können sie denn selbstständig sein, ohne Anleitung, ohne nennenswerte Begleitung durch Erwachsene.

Sturzenhecker: Jugendliche können grundsätzlich alles selbstständig machen. Man müsste die Frage umkehren: Erwachsene oder pädagogische Fachkräfte müssten erst einmal begründen, wieso Jugendliche etwas nicht selbstständig hinbekommen könnten. Pädagogisch geht man davon aus, dass Jugendliche Mündigkeit, Selbstbestimmung, soziale Mitverantwortung durch praktisches Tun entwickeln. Dazu braucht es Zutrauen in die Potentiale der Selbstständigkeit von Kindern und Jugendlichen und Freiräume, in denen sie damit experimentieren können. Zutrauen und Freiräume müssen Erwachsen zur Verfügung stellen.

Rieg: Brauchen Jugendliche, um ihre Anliegen in gemeinsamen Gremien mit Erwachsenen auszuhandeln, autonome Bereiche, in denen sie ungestört unter sich sind, um ihre Positionen zu entwickeln?

Sturzenhecker: Ja, aber das gilt für alle Gruppierungen, die an Entscheidungsprozessen beteiligt sind. Sie müssen zunächst einmal unter sich klären, was sie für Positionen haben, was sie einbringen wollen, was ihre Argumente sind. Um Kinder und Jugendliche an Entscheidungsprozessen zu beteiligen, müssen sie daher wie alle anderen auch die Chance haben, das für sich zu klären.

Rieg: Was verändert sich gegenüber solch autonomen Jugendgruppen, wenn Erwachsene dazu kommen, also Lehrer, Eltern, Pfarrer, Jugendreferent?

Sturzenhecker: Jugendliche ändern ihr Verhalten in Gruppen mit Erwachsenen so, wie wir alle es tun, wenn sich unser sozialer Kontext ändert. Ich habe mit Kindern und Jugendlichen in Partizipationsprojekten die Erfahrung gemacht, dass sie den Erwachsenen sehr freundlich und realistisch ihre Position erklären, dass sie in der Lage sind, die Positionen der anderen zu verstehen und aufzunehmen, dass sie Kompromisse und gemeinsame Lösungen entwickeln. Das sind normale soziale Kompetenzen, und die sind bei Jugendlichen und auch schon bei Kindern vorhanden..

Rieg: Die große Studie zur "Realität und Reichweite von Jugendverbandsarbeit am Beispiel der aej" kommt u.a. zu dem Ergebnis, dass Jugendliche vor allem der anderen Jugendlichen wegen in Gruppen zusammen kommen. Was bedeutet dies für die Rolle der Hauptamtlichen?

Sturzenhecker: Hauptamtliche haben immer die Aufgaben von pädagogischen Professionellen. Sie müssen also zunächst verstehen, was die Interessen ihrer Kinder und Jugendlichen sind, um was es denen geht. Und dann sollen sie die Jugendlichen unterstützen, ihre Interessen umzusetzen, auch in demokratischen Gremien. Das ist nicht nur ein Standard von Jugendarbeit - bei uns sieht es ja sogar das Gesetz so vor - sondern es ist eine grundsätzliche Position von Sozialer Arbeit. Wir gehen dabei davon aus, dass Menschen sich selber produzieren und Professionelle sie bei dieser Selbstbestimmung, bei der Entwicklung von Autonomie unterstützen, ihnen assistieren.

Rieg: Jugendliche orientieren sich immer stark an ihrer Peer-Group. Wie wichtig sind in der Jugendarbeit daher annähernd Gleichaltrige als Gruppenleiter, Mitarbeiter, Betreuer?

Sturzenhecker: Gleichaltrige sind zentral wichtig. Die Untersuchung ("Realität und Reichweite...") zeigt, dass sich die Gruppen in der evangelischen Jugendarbeit aus Freundeskreisen rekrutieren: man kennt schon Leute und geht deshalb hin, man bringt Leute mit, die zu einem passen. Es wird also eine soziale Homogenität angestrebt. Dabei ist es von Vorteil, wenn der Gruppenleiter, die Gruppenleiterin auch Jugendliche sind. Das ist aber keine ausschließliche Bedingung. Denn Kinder und Jugendliche sollten auch die Möglichkeit haben, in der Jugendarbeit auf Erwachsene zu stoßen und sich mit ihnen auseinander zu setzen: mit Hauptamtlichen, mit theologischem Personal. Das sollte ihnen aber nicht aufgezwungen werden, sondern in freiem Austausch und in freier Wahlmöglichkeit geschehen.

Rieg: Besteht aber nicht auch die Gefahr, dass Hauptamtliche Jugendliche von Verantwortung fern halten, z.B. indem sie jedes Jahr die Jugendfreizeit leiten, was sonst auch Jugendliche selbst machen würden?

Sturzenhecker: Hauptamtliche stehen auch durch ihre kirchlichen Arbeitgeber unter großem Druck nachzuweisen, was sie alles tun. Und dieser Nachweis wird leider häufig rein quantitativ verstanden: Wie viele Freizeiten wurden durchgeführt, wie viele Teilnehmer gab es, wie viele Leute sind erreicht worden, wie viele Kindergottesdienste schaffen sie u.s.w. Dabei wird die Qualität der Arbeit vernachlässigt, und die Qualität liegt ja genau darin, dass Kinder und Jugendlichen befähigt werden, sich so weit wie möglich selber zu bestimmen und selber zu leiten, Verantwortung zu übernehmen. Der Rechtfertigungsdruck führt sicherlich immer wieder bei einzelnen Hauptamtlichen dazu, Ehrenamtliche zu funktionalisieren, um „Erfolgszahlen“ herzustellen.

Rieg: Kommt der Druck nicht auch aus der Politik bzw. der Verwaltung als wesentlichem Geldgeber?

Sturzenhecker: Sicherlich. Im Alltag wird der Druck aber überwiegend durch die Arbeitgeber vermittelt, die ja viel näher sind als irgendeine Landesbehörde etwa.

Rieg: Sie fordern ein "Recht auf Scheitern", Jugendlichen muss also bei ihrem Engagement auch etwas schief gehen dürfen. Das steht aber den Professionalisierungs-Bestrebungen der Jugendarbeit entgegen.

Sturzenhecker: Nehmen wir ein Beispiel. Da planen Jugendliche selbst eine Ferienfreizeit. Und im Verlauf zerstreiten sie sich oder etwas anderes passiert, jedenfalls kommt die Fahrt nicht zustande. Damit fehlt quasi das "Produkt". So etwas würde Hauptamtliche erheblich unter Druck setzen, doch noch die Leistung abzuliefern..

Rieg: Was ist dann zu tun, wenn doch Jugendliche Verantwortung lernen sollen?

Sturzenhecker: Die Chance liegt in einer bestimmten Weise, wie man Professionalität als Hauptamtlicher praktiziert. Wenn ich sehe, dass die Jugendlichen mit ihrem Projekt zu scheitern drohen, ist es meine Aufgabe als Professioneller, auf sie zuzugehen, die Probleme mit ihnen zu verstehen und zu fragen, ob sie Unterstützung brauchen und worin sie bestehen kann. Es geht nicht um eine Übernahme der Aufgaben! Es geht darum, Jugendlichen beim Sammeln und Verarbeiten eigener Erfahrungen zu assistieren. Als Hauptamtlicher unterstützt man die Autonomiebemühungen, aber dominiert sie nicht.

Rieg: Das erfahren wir aber zum Teil anders. So heißt es etwa in der neuen Broschüre "Mindeststandards für die Grundausbildung von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen & Mitarbeitern in der Evangelischen Jugendarbeit von "Heute spüren wir aber deutlicher als zuvor, dass wir Ehrenamtliche nicht einfch machen lassen können und dürfen. Das Hinweinwachsen in die Aufgaben ist wichtig, aber daneben haben vor allem die Jugendlichen ein Recht darauf, qualifizier - und das heißt durch Hauptamtliche - für ihre Arbeit ausgebildet und in den Anforderungen zur Leitung von solchen Grundkursen heißt es:

"Die verantwortliche Leitungsperson aht eine pädagogische bzw. pädagogisch-theologische Berufsausbildung.".

Da wird ja nicht assistiert, da wird ein Monopolanspruch erhoben.

Sturzenhecker: Einer Bedingung, dass nur Hauptamtliche Fortbildungskurse leiten dürfen, würde ich widersprechen. Es gibt doch in der evangelischen Jugendarbeit sehr viele erfahrene Ehrenamtliche, die so viele Kurse gemacht haben, die seit Jahren in der Praxis stehen, ihre Gruppen leiten, Gremien durchlaufen haben - die sind doch auch in der Lage, neue Gruppenleiter und Leiterinnen auszubilden.

Rieg: Vielleicht stellt sich an solchen Beispielen die grundsätzliche Frage nach der Funktion von Hauptamtlichen in einer Jugendarbeit, die den Regeln von Selbstorganisation folgen soll?

Strurzenhecker: Hauptamtliche stehen in der gesamten Sozialen Arbeit in einem Widerspruch: sie haben einerseits von ihrem Arbeitgeber bestimmte Aufträge, erzieherische Perspektiven an Kinder und Jugendliche weiterzugeben. Andererseits gibt es den Auftrag der Kinder und Jugendlichen selbst, sich für ihre Interessen einsetzen Diese Situation des „Doppelten Auftrags“ kann man nicht auflösen. Hauptamtliche müssen in der Lage sein, sie reflexiv zu verstehen und ihre eigene Autonomie darin klug und abwägend zu gewinnen, ohne sich auf „eine Seite zu schlagen“:

Einerseits sind Hauptamtliche also professionelle Assistenz für Jugendliche, andererseits sind Hauptamtliche sehr wichtig, überhaupt die Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, um Kinder- und Jugendarbeit möglich zu machen. Und genau dies wird ja von den Jugendlichen selbst eingefordert, wie die aktuelle Studie zeigt. Jugendliche fordern von ihren Hauptamtlichen, dass sie die Basis schaffen: Räume, Finanzierung, Verwaltung - um diese Bedingungen sollen sich Erwachsene kümmern. Und dass dies sinnvoll ist, zeigen Forschungen deutlich: Denn wo es Hauptamtlichkeit gibt, kommt mehr ehrenamtliches Engagement zustande, als ohne hauptamtliche Unterstützung.

Rieg: Sie forschen intensiv zu Partizipationsstrukturen. Jugendliche dürfen oder sollen irgendwo in ihrem Verband oder ihrer Kirche mitmischen. Sie haben dabei u.a. gefunden, dass Partizipation z.T. als "Luxus" verstanden wird. Was ist darunter zu verstehen?

Sturzenhecker: Das ist eine Hypothese aus meinen Erfahrungen mit evangelischer und Offener Jugendarbeit.

Für Hauptamtliche haben dann andere Fragen Vorrang, das ist im Moment sehr häufig der Fall: Kirchenkreise werden zusammengelegt, es wird massiv eingespart - da gibt es sehr heftige Probleme und Handlungsnotwendigkeiten, denen sich die beruflichen Jugendarbeiter nicht verschließen können. Dann wird Partizipation, Demokratie im Verband zu einer Nebensache, zu einer Sonderveranstaltung, zu Luxus - auf den dann schnell verzichtet wird. Damit vernachlässigt man aber ein Essential, eine Selbstverpflichtung, die Jugendverbandsarbeit im Kern ausmacht.

Rieg: Eine andere missglückte Form von Partizipation sehen Sie im Paternalismus. Wie äußert er sich?

Sturzenhecker: Wenn sich Hauptamtliche zwar wohlwollend dafür interessieren, was Kinder und Jugendliche möchten, dann aber nach ihren eigenen Kriterien entscheiden, was davon gemacht werden darf. Das Problem dabei ist, dass Jugendliche so keinen demokratischen Prozess erleben, dessen berechtigte Subjekte sie sind: dass sie ein Interesse einbringen können, sich dafür einsetzen müssen, Lösungen finden müssen, dass sie sich mit anderen streiten müssen, dass man Kompromisse schließen muss, um dann schließlich eine gemeinsam errungene Lösung zu haben. Wohlwollende Führung verhindert die Erfahrung demokratischer Rechte auf Mitentscheidung.

Rieg: Als eine Grundforderung für Partizipation haben Sie Öffentlichkeit und Information sowie Offenheit und Konfliktfähigkeit benannt. Nun tun wir uns gerade in der Kirche mit Öffentlichkeit z.T. schwer, die meisten Kirchenvorstände tagen nicht-öffentlich, und auch die höchsten Gremien der Jugendarbeit, z.B. als Jugendkammer, verhandeln oft im stillen Kämmerlein.

Sturzenhecker: Geheime Entscheidungsverläufe sind mit den Prinzipien der Demokratie nicht vereinbar. - und ich finde so etwas eigentlich unerträglich.

Demokratie hat als wichtige Voraussetzung, dass ihre Mitglieder ihre Interessen öffentlich artikulieren können. Man muss sich zu Entscheidungsprozessen äußern können, sie kommentieren dürfen. Und Gremien werden ja nicht gewählt, dass sie fortan entscheiden, wie es ihnen beliebt, sondern sie sind immer auch rechenschaftspflichtig und kontrollbedürftig Insofern müssen sie Transparenz zeigen, sie müssen offen und zugänglich sein, die Begründungen für Entscheidungen müssen transparent, öffentlich kritisierbar, angreifbar sein.

Rieg: In der Gesellschaft sind dafür u.a. die Medien bzw. die für sie arbeitenden Journalisten zuständig. Fehlt uns in der kirchlichen Jugendarbeit etwas Adäquates?

Sturzenhecker: Die meisten Publikationen in der evangelischen Jugendarbeit werden natürlich durch den Träger finanziert und gesteuert. Einen autonomen Medienbereich haben wir in der evangelischen Jugend sicherlich so nicht. Es wäre eine wichtige Frage, wie eine solche reflektierte Kontrolle eingerichtet werden können. Ich dachte ja auch immer, der Protestantismus habe an Debatten und Kritik reges Interesse .Aber es gibt natürlich in allen Organisationen ein Interesse an Selbsterhalt und Ungestörtheit, und das kann dazu führen, dass man die Basisbetroffenen heraushält.

Rieg: In den Gremien begegnen sich Ehrenamtliche und Hauptamtliche zwangsläufig als ungleiche Partner, vom Alter her, von der Ausbildung, von der Kontinuität der Mitarbeit her aber vor allem von der Intention her: die einen gehen ihrem Hobby nach, die anderen üben einen Beruf aus und werden für ihre Tätigkeiten bezahlt. Was dürfen Ehrenamtliche unter dieser Konstellation von ihren Hauptamtlichen erwarten, oder provokativer und aus der Praxis: Was müssen sich Hauptamtliche an Streit, Auseinandersetzung, vielleicht Vorwürfen gefallen lassen und wo ist die Grenze?

Sturzenhecker: Die Anforderung besteht aus den Grundbedingungen eines demokratischen und menschlichen Umgang miteinander: Konfliktpartner dürfen nicht körperlich angegriffen, beleidigt oder herabgewürdigt werden. Das ist aber auch schon alles.

Rieg: Auch heftiger Streit gehört also dazu und muss von Hauptamtlichen ausgehalten werden?

Sturzenhecker: Unter der Assistenz-Vorgabe ist es sogar Aufgabe der Professionellen, diesen Streit zu fördern. Kinder und Jugendliche müssen unterstütz werden, - auch mit Erwachsenen und Hauptamtlichen - streiten zu können. In ihrem Nein, in ihrem Widerstand wird ja überhaupt Selbstbestimmung deutlich, das ist ein wichtiger jugendlicher Weg, eine eigene Position zu entwickeln, indem man erst mal Nein sagt. Das gehört zum Kern von Jugendarbeit und dem Einüben von Demokratie.

Aber die Hauptamtlichen haben natürlich auch umgekehrt die Pflicht, den Streit zu führen. Kinder und Jugendliche sollen ja nicht zu Herrschern werden, sondern zu Demokraten, die eben auch mit ihrem erwachsenen Gegenüber streiten und aushandeln müssen. So haben die Hauptamtlichen auch ein Recht und eine Pflicht, ihre Positionen einzubringen, solange sie das nicht manipulativ und dominierend tun.

Rieg: Welche Erwartungen können die Arbeitgeber, also bei uns die Kirchen, an Hauptamtliche in der Jugendarbeit stellen? Deren Interessen dürfen ja von denen Jugendlicher deutlich abweichen.

Sturzenhecker: Wenn Kirche an ihre Hauptamtlichen so herangeht, dass diese ausschließlich Befehlsempfänger sind, die Kinder und Jugendliche im kirchlichen Interesse funktionalisieren sollen, dann kann Jugendarbeit nicht gelingen. Die Untersuchung zeigt, dass Hauptamtliche sehr wohl in der Lage sind, für Jugendliche eine Struktur zur Verfügung zu stellen, als Basis für Selbstorganisation. Und das ist für Kirche eine unglaubliche Chance, denn damit bietet Jugendarbeit eine Plattform des Kontakts und der Kommunikation zwischen Kirche und Jugend, zwischen Erwachsenen und Kindern und Jugendlichen.

Rieg: Kann man die Erfolge messen? Es wird ja stärker denn je gefragt: lohnt sich das?

Sturzenhecker: Man kann das nicht quantitativ messen. Aber wir können feststellen: Evangelische Jugendarbeit ist in der Lage, Selbstorganisation und Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen zu realisieren. Im Hinblick auf das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) erfüllt damit evangelische Jugendarbeit auf hervorragende Weise zumindest die staatlichen Vorgaben. Und sie bietet der Kirche ein organisiertes Gegenüber. Das hat außer den Jugendverbänden niemand in dieser Gesellschaft. Das ist eine gigantische Chance für einen freien kommunikativen Austausch, die Erwachsene, Kirche und Politik nutzen könnten. Die evangelische Jugendarbeit bietet das - z.B. im Gegensatz zur Schule-, weil sie eine freiwillige und selbstbestimmte Struktur ist, in der Kinder und Jugendliche als gleichberechtigte Subjekte auftauchen und nicht als zu erziehende Objekte.

Rieg: Kann man da keine Größenordnung benennen?

Sturzenhecker: Doch, evangelische Jugendarbeit erreicht etwa 10 Prozent der gesamten Jugend im Alter zwischen 10 und 20 Jahren. Das ist sehr viel, aber da wir keine Zahlen aus der Vergangenheit haben, lässt sich keine Aussage über Trends machen. Wir haben diesen Erfolg, weil es eine Gelegenheitsstruktur gibt - was nur mit Hauptamtlichen geht. Und diese Struktur lebt, weil Kinder und Jugendliche sie für sich nutzen, weil sie darin Spaß haben. Insofern stellen die Jugendlichen den Jugendverband her. Und dabei brauchen sie die Basisunterstützung der Hauptamtlichen, das sagen sie ja selbst so in den Befragungen.

Rieg: Wenn wir von Hauptamtlichen sprechen, sind meist Pädagogen gemeint. Wie wichtig sind die Pfarrerinnen und Pfarrer für die Gemeindejugendarbeit?

Sturzenhecker: Sie sind genauso zentral, man sollte die Jugendarbeits-Aufgabe nicht ausschließlich an Nicht-Theologen abgeben. Wenn die Pfarrerinnen und Pfarrer die Kommunikationsplattform der Jugendarbeit nicht nutzen, weil sie sich z.B. stark auf die Arbeit mit Senioren konzentrieren, dann verlieren sie den Kontakt. Für den Kontakt müssen sie sich also selbst auch dort engagieren und können das nicht einfach abgeben.

Rieg: Sind die Theologen denn für Jugendarbeit ausgebildet?

Sturzenhecker: Das weiß ich nicht, aber auch ihre spezifisch theologische und spirituelle Kompetenz wird von Jugendlichen geschätzt. Leider muss man feststellen, dass der Bezug zur Jugendarbeit auch in den Studiengängen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik sehr schwach geworden ist. Das ist wirklich ein großer Fehler. Denn die verbandliche und Offene Jugendarbeit insgesamt - mit Sport und anderen Verbänden - erreicht 70 bis 80% der Kinder und Jugendlichen.

Rieg: Fehlt es für berufliche Jugendarbeiter an Übergangsmöglichkeiten in andere Arbeitsfelder, etwa die Erwachsenenbildung?

Sturzenhecker: Die Arbeitgeber betreiben so gut wie nie Personalentwicklung, das ist ein großes Manko. Wenn man Kinder- und Jugendarbeit gut machen will, ist das eine starke Herausforderung. Man muss zu den kuriosesten Tages- und Nachtzeiten arbeiten können, man muss laute Musik ertragen, man muss bereit sein, wilde Erfahrungen mitzumachen - und das kann man ein paar Jahre sehr intensiv machen, aber dann ist es auch berechtigt, in andere Arbeitsfelder zu wechseln, wobei es natürlich auch wichtig ist, dass es auch ältere Hauptamtliche gibt, denn sie sind wichtige Partner. Dennoch fehlt der bewusste Umgang mit der beruflichen Entwicklung, da tragen die Hauptamtlichen aber auch Mitverantwortung.

Rieg: Eine wesentliche Aufgabe der Hauptamtlichen ist die Fortbildung Ehrenamtlicher. Wie sieht es mit der eigenen Fortbildung aus?

Sturzenhecker: Es ist natürlich für Professionelle extrem wichtig zu wissen, in welcher Kultur Jugendliche leben. Die Hauptamtlichen müssen die Welten von Kindern und jugendlichen kennen, müssen wissen, was ihre Themen sind, was die Jugendmedien sind, welche Musik angesagt ist etc. Das lernt man aber am besten durch den Basiskontakt mit der eigenen konkreten Zielgruppe. Man kann sich die Welt der Jugendlichen von ihnen selbst zeigen und erklären lassen Jugendliche geben da ja auch sehr bereitwillig Auskunft, sie freuen sich, wenn Erwachsene sich für sie interessieren.

Rieg: Es ist also ein gegenseitiges Voneinander-Lernen?

Sturzenhecker: Ja, wenn man professionell arbeitet, eben als Assistenz der Mitverantwortung, Mündigkeit und Autonomie von Kindern und Jugendlichen, dann geht das nur, wenn ich begreife, was für diese von zentraler Bedeutung ist. Also muss ich von ihnen lernen, mit ihnen reflektieren. Ich bringe ihnen nicht etwas bei, sondern ich assistiere ihnen dabei, selbstbewusst und selbstständig zu werden. Und es ist eine Chance, wenn sie mir ihre Welt erklären müssen und sie dann quasi durch meine Augen noch mal sehen. So erhalten sie eine reflexive Distanz zu sich selber und die fördert Selbstentwicklung.

Rieg: Was ist Ihrer Ansicht nach die Hauptherausforderung für die evangelischen Jugendverbände für die nächsten Jahre?

Sturzenhecker: Es muss verstärkt die Subjektorientierung eingeübt werden. Jugendarbeit gibt es nur, wenn man für Kinder und Jugendliche Gelegenheitsstrukturen schafft, dafür muss man sich an ihnen orientieren, man muss schauen, wie sie selbst Jugendarbeit gestalten wollen. Und man muss mit ihnen diese kommunikative Plattform herstellen. Auf der darf man sich streiten, auseinandersetzen - aber das muss alles an die Realität und Perspektiven der Jugendlichen angelehnt sein.

Literaturempfehlungen:

Benedikt Sturzenhecker (Hrsg.): Freiwillige fördern. Ansätze und Arbeitshilfen für einen neuen Umgang mit Freiwilligen in der Kinder- und Jugendarbeit. Weinheim 1999

Günter Brakelmann / Jan-Robert von Renesse (Hrsg.): Kirche mit Profil. Impulse für die notwendigen Reformen. 3. Auflage, Bochum 2002.