14.11.2004

„Evangelische Jugend bildet“

Kategorie: aej
Zur Bedeutung von Bildung in der Evangelischen Jugend. Positionen der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in der Bundesrepublik Deutschland e. V. (aej)

I. Die Evangelische Jugend als Jugendverband
Selbstorganisation junger Menschen in der evangelischen Kirche

Die Evangelische Jugend ist ein kinder- und jugenddominierter Lebensraum, in dem junge Menschen freiwillig, selbstbestimmt und selbst organisiert ihre Aktivitäten gestalten, ihre Interessen vertreten und an gesellschaftlichen Prozessen und Ressourcen partizipieren.

Die Evangelische Jugend ist ein eigenständiger Teil der Gemeinde Jesu Christi. Damit ist sie inhalts- und wertegebunden und beteiligt sich als selbstbewusster Teil von Kirche an ihrem Leben und ihrer Gestaltung.

Die Evangelische Jugend ist eine intermediäre Organisation: Sie vermittelt die Interessen junger Menschen in Kirche und Gesellschaft hinein (Interessenvertretung von Kindern und Jugendlichen) und vermittelt umgekehrt gesellschaftliche und kirchliche Integrations- und Sozialisationsinteressen an Kinder und Jugendliche (Sozialisation). In allen Lebens-, Organisations- und Arbeitsformen der Evangelischen Jugend vollziehen sich Bildungsprozesse.

Evangelische Jugend ist ein bedeutender Teil des gesamten Bildungssektors, der erheblichen Einfluss auf die Persönlichkeits- und Lebensbildung junger Menschen hat. Als außerschulische, jugendverbandliche und inhaltsgebundene Bildungsinstanz ist die

Evangelische Jugend ein bedeutsamer Ort informeller Bildung, d. h. ungeplanter und nicht intendierter Bildungsprozesse, die sich ständig im gemeinsamen selbst gesteuerten Leben und Tun ereignen. Sie setzt Schwerpunkte im Bereich nichtformeller Bildung, d. h. im Bereich geplanter Bildungsprozesse, die organisiert und mit Bildungsintentionen verbunden sind, die aber Angebotscharakter haben und freiwilliger Natur sind. Kinder und Jugendliche, junge Frauen und junge Männer verfolgen in den Angeboten der Evangelischen Jugend ihre eigenen Interessen, die die Wirklichkeit der Evangelischen Jugend wesentlich bestimmen. Als jugenddominierter Raum bietet Evangelische Jugend Gelegenheitsstrukturen, die von Jugendlichen und Mitarbeiter(inne)n als Anlässe für informelle und nicht formale Bildungsprozesse genutzt werden.

2 II. Lebensbezogene Bildung – gelingendes Leben:

Bildungsprozesse in der Evangelischen Jugend

1. Bildungsverständnis
Bildung ist nach dem Verständnis Evangelischer Jugend ein aktiver Prozess zur Aneignung der Welt in ihrer Gesamtheit und sie ist Entwicklung der ganzen Person in all ihren Lebensbezügen. Im Prozess von Bildung entwickeln Menschen ihre Persönlichkeit im Austausch mit ihrer natürlichen und sozialen Umwelt. Bildung ist ein individueller altersspezifischer und lebensbegleitender Prozess zur Entfaltung der eigenen Person, den (junge) Menschen aktiv als Subjekte ihres Lebens gestalten. Sie ist nie allein Formung von außen, sondern im Kern Selbstbildung junger Menschen zu Mündigkeit, Autonomie und Verantwortungsfähigkeit und sie ist der Erwerb von Selbstbildungsressourcen. Bildung ist eine Voraussetzung zur verantwortlichen Gestaltung des eigenen Lebens. Jedem Bildungsverständnis liegt ein bestimmtes Menschenbild zu Grunde. Die Evangelische Jugend orientiert sich in ihrem Menschenbild an biblischen Vorgaben: Hier wird der Mensch ganzheitlich mit Leib und Seele, Gefühl und Verstand, Liebes- und Herrschaftsbedürfnissen, religiösen und sozialen Sehnsüchten und der Fähigkeit zum Guten, lebensförderlichen wie zum Bösen, lebenszerstörenden Tun begriffen. Die Evangelische Jugend bezieht Bildung darum auf die Ganzheit des Lebens junger Menschen mit dem Ziel gelingenden Lebens als „Lebenskunst“: der Fähigkeit nämlich, mit dem eigenen Leben in all seinen Bezügen und Problemkonstellationen konstruktiv umgehen zu können. In Anknüpfung an die Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) „Maße des Menschlichen“ wird Bildung „als Zusammenhang von Lernen, Wissen, Können, Wertbewusstsein, Haltungen (Einstellungen) und Handlungsfähigkeit im Horizont sinnstiftender Deutungen des Lebens“ verstanden.

Die Evangelische Jugend wendet sich gegen eine Praxis von Bildung, die Kinder und Jugendliche zum Objekt und Bildung zur Ware macht. Bildung darf nicht reduziert werden auf ein Verständnis, das Bildung vornehmlich auf ihre Funktion als Zugangsvoraussetzung einer modernen Gesellschaft zum Arbeitsmarkt und auf ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit beschränkt. Sie ist ein umfassender Prozess humaner Entwicklung und der Entfaltung derjenigen Fähigkeiten und Fertigkeiten, die (junge) Menschen in die Lage versetzen zu lernen, Potenziale zu entwickeln, kompetent zu handeln, Probleme zu lösen und Beziehungen zu gestalten. Über Anwendungswissen hinaus zielen Bildungsprozesse in der Evangelischen Jugend auf orientierendes Wissen, das ethische Urteilsbildung, Maßstäbe zum Umgang mit Wissen und Sinnstiftung ermöglicht.

2. Bildungsdimensionen
Bildung als Aneignung von Welt umfasst verschiedene Dimensionen:

- Zeit: Junge Menschen gewinnen ein produktives Verhältnis zur Zukunft, indem Bildung junge Menschen zukunftsfähig macht für die Gestaltung ihrer persönlichen Biografie und für die Mitgestaltung des Überlebens der Welt.

- Person: Junge Menschen gewinnen ein Verhältnis zu sich selbst, indem Bildung sie befähigt, sich selbst zu entfalten und Persönlichkeit zu werden.

- Lebenswelt: Junge Menschen gewinnen ein souveränes Verhältnis zu ihrer Lebenswelt, indem Bildung sie befähigt, in ihren Lebenswelten urteils- und kommunikationsfähig zu werden, sie zu gestalten und dort leben zu können.

- Gott: Junge Menschen gewinnen ein Verhältnis zum „Geheimnis des Lebens“ – zu Gott – und zum „Geheimnis ihres Lebens“, indem Bildungsprozesse Transzendenz- und Existenzfragen thematisieren, zu Sinnstiftungsprozessen anleiten und mit religiösen, insbesondere spezifisch christlichen Antworten bekannt machen.


3. Bildungsziele

3.1 Entfaltung des Lebens
Leben und Welt sind Gabe Gottes und bedeuten für (junge) Menschen zunächst Reichtum und Schönheit, die sie nutzen und genießen können. Junge Menschen erwerben in der Evangelischen Jugend Kompetenzen und Fähigkeiten zur lebensfreundlichen Entfaltung ihres Lebens und zur Entwicklung von Maßstäben für verantwortliche Lebensqualität. Bildung als „Lebenskunst“ bedeutet dabei, mit den positiven, „schönen“ Seiten des Lebens genauso wie mit den negativen, „dunklen“ Seiten des Lebens umgehen zu können.

3.2 Bewältigung des Lebens
Die Schöpfung Gottes ist von Anbeginn ein „Raum“, den Menschen sich aneignen und in dem sie die Anforderungen ihres Lebens zu bewältigen haben. Junge Menschen erwerben in der Evangelischen Jugend Kompetenzen und Fähigkeiten, um in zunehmender Autonomie und Mündigkeit die Aufgaben und Problemlagen zu bewältigen, mit denen sie in ihren persönlichen Lebenswelten konfrontiert sind – mit dem Ziel gelingenden persönlichen Lebens. Dazu gehören die Aufgaben biografischer Entwicklungsprozesse ebenso wie die Selbstorganisation des Lebens, der Erwerb und die Ausbildung personaler Kompetenzen und gesellschaftlich notwendiger Wissens- und Verhaltensrepertoires. Gelingendes Leben als „Lebenskunst“ beinhaltet die Fähigkeit, den Umgang mit dem fragmentarischen und unvollkommenen Charakter des Lebens, mit Brüchen und Krisen und mit nicht gelingenden Lebensmomenten zu lernen.

3.3 Gestaltung des Lebens
Menschen sind von Anbeginn ihrer Schöpfung als „Mitarbeitende Gottes“ zur lebensförderlichen Gestaltung der Welt berufen. Junge Menschen erwerben in der Evangelischen Jugend Kompetenzen und Fähigkeiten, mit denen sie sich – nach ihren Möglichkeiten – an der Gestaltung der Welt und ihres zukünftigen Überlebens beteiligen. Kinder und Jugendliche erschließen sich zunehmend die Bereiche der gestaltbaren Welt und damit auch die für sie zumutbaren und zu bewältigenden Verantwortungs- und Handlungsbereiche; diese reichen über den unmittelbaren persönlichen Nahbereich hinaus und beziehen sich auf die jeweilige Gesellschaft und die gesamte Welt im Kontext eines globalisierten Lebens.


III. Bildung in jugendlichen Lebenswelten
Die Evangelische Jugend sieht ihren Bildungsauftrag vornehmlich in folgenden Dimensionen jugendlichen Lebens:

1. Leben als Gabe
Das individuelle Leben, die Welt als Ort des Lebens und die Mitmenschen und Mitgeschöpfe als Lebenspartner(innen) – Leben in seiner ganzen Fülle ist Schöpfungsgabe Gottes. Deshalb schafft Evangelische Jugend Raum für junge Menschen, in dem sie ihr Leben in seiner ganzen Fülle entfalten und genießen können: Junge Menschen erfahren in der Evangelischen Jugend den Wert ihres eigenen Lebens und den Wert allen Lebens.
Sie entdecken hier Möglichkeiten, ihrem Leben Sinn zu geben und von Gott Sinn geschenkt zu bekommen. Sie erfahren die sinnhafte Bedeutung ihres eigenen Lebens und allen Lebens. Junge Menschen entfalten ihre Sinne und bilden Sinnlichkeit aus. Sie werden wahrnehmungsfähig und aufmerksam für ihre eigenen positiven Seiten und die Schönheit der Welt. Sie erfahren die Fülle des Lebens, indem sie eigene Wege zur Entwicklung von Lebensqualität in der Spannung zwischen verantwortungsvollem Genuss und sinnvollem Verzicht finden. Sie lernen, Aufmerksamkeit für Wesentliches und Lebensförderliches zu entwickeln.

2. Leben als Werden
Leben ist nach christlichem Verständnis niemals abgeschlossenes und statisches Leben – es ist wachstums-, entwicklungs- und veränderungsfähiges Leben. Die Evangelische Jugend bietet darum „Räume“ für selbst gestaltete und angeleitete Entwicklungs- und Entfaltungsprozesse junger Menschen. Sie fördert Jugendliche dabei, eigene Lebensentwürfe zu entwickeln und experimentell zu erproben. Sie bietet Unterstützung und Hilfe im Hinblick auf die Anforderungen und Aufgaben der persönlichen Entwicklung und im Hinblick auf Herausforderungen im Alltag und in den Lebenswelten junger Menschen. Sie bietet Unterstützung bei der Ausbildung von Fähigkeiten zur Bewältigung individuellen Lebens und fördert junge Menschen dabei, Lebenskompetenzen zu entwickeln, um die eigene Zukunft in die Hand zu nehmen und verantwortlich zu gestalten und um biografische Krisen und Übergangsphasen zu bewältigen. Die Evangelische Jugend berücksichtigt dabei die vielfältigen Differenzierungen der Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen; dazu gehören u. a. Alter, Geschlecht, soziale Kontexte und Rahmenbedingungen, ethnische und religiöse Herkunft.

Die Evangelische Jugend sieht ihre Aufgabe darin, Entwicklungsprozesse so mitzugestalten, dass sie den jungen Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen gerecht werden. Junge Menschen entdecken in der Evangelischen Jugend Möglichkeiten, das eigene Leben, seine Zielrichtungen und seine Praxis, zu ändern und zur Änderung von gesellschaftlichen Verhältnissen beizutragen. 3. Unvollkommenes und gebrochenes Leben Leben ist nach christlichem Verständnis niemals perfektes Leben, sondern auch unvollkommenes und misslingendes Leben – Leben mit Fehlern und Angst, Versagen und Schuld. Die Botschaft des Evangeliums zeigt die Vergebungsbereitschaft und „Fehlerfreundlichkeit“ Gottes und eröffnet die Möglichkeit, sich und anderen zu vergeben.

Bildungsprozesse in der Evangelischen Jugend intendieren, dass junge Menschen lernen, mit eigenen Grenzen und Unvollkommenheiten produktiv umzugehen. Sie intendieren einen lebensfreundlichen Umgang mit eigenem Versagen und Schuld sowie Verhaltensweisen und Einstellungen, um mit dem Schuldig-Werden anderer gemeinschaftserhaltend umzugehen. Junge Leute erfahren Angenommensein und Achtung unabhängig von personalen und gesellschaftlichen Voraussetzungen (Status, Image, Leistung etc.) und entwickeln Identität, Selbstwert und Selbstachtung. Die Evangelische Jugend bietet darum Erfahrungsräume auch für junge Menschen, die es bedingt durch ihre Lebenssituationen mit sich und in der Gesellschaft schwer haben. Bildungsprozesse im Bereich Evangelischer Jugend bewirken Aufmerksamkeit für nicht-gelingendes Leben bei anderen Menschen, gegenseitige Achtung und Akzeptanz und das Hinterfragen von lebensfeindlichen Strukturen.

4. Freiheit zur Individualität
Christliches Verständnis nimmt Menschen jeglichen Alters als Subjekte ihrer Lebensgestaltung ernst. In der Evangelischen Jugend lernen junge Menschen, ihre Lebensprozesse in am Evangelium orientierter, verantworteter Freiheit zu gestalten.
Evangelische Jugend ist ein Raum, in dem junge Menschen Impulse und Anregungen zur Selbstbildung erhalten, und ein Schutzraum, in dem junge Menschen in experimenteller Mündigkeit sich selbst bilden können, ihre Potenziale entfalten und ihre Individualität und Identität herausbilden können. Die Evangelische Jugend gibt den Freiraum, in diskursiven Prozessen eigene Lebensmuster zu entwickeln und eigene Lebenswege zu gehen – in Aneignung und Widerspruch, in Übernahme und Ablehnung vorgegebener Traditionen und vorgelebter Lebensweisen. Bildungsprozesse im Raum Evangelischer Jugend beinhalten darum die gegenseitig gegebenen Freiräume, Eigenes zu denken, eigensinnige Lebensentwürfe zu entfalten und zu leben, anders sein zu dürfen und das Andere, Fremde als Bereicherung zu entdecken.

Bildungsprozesse im Raum Evangelischer Jugend beinhalten die Freiheit zur Zustimmung oder auch „Nein“ sagen zu können. Sie lassen die Freiheit mitzugehen oder wegzubleiben und aufzuhören. Bildung im Raum Evangelischer Jugend bedeutet, dass das Individuum sein „Bild“ von sich und der umgebenden Welt in Freiheit selbst gestaltet und bestimmt. Nach evangelischem Verständnis gehört zum Prozess der Persönlichkeitsbildung darum die Ausbildung des individuellen Gewissens und subjektiver Verantwortungsfähigkeit als Maßstab persönlichen Handelns. Jugendliche übernehmen in der Evangelischen Jugend Verantwortung für sich und andere. Sie erlernen und entwickeln die hierzu nötigen Fähigkeiten und werden in ihrem Handeln unterstützt und begleitet. Bildung geht folglich niemals in angelerntem Wissen und in der unreflektierten Übernahme sozialen Erbes und kultureller Verhaltensmuster auf, sondern sie ist ein Lebensprozess, der durch junge Menschen wesentlich selbst gestaltet wird und mit Mündigkeit rechnet.

5. Leben braucht Orientierung
Leben braucht nach christlichem Verständnis Orientierungen und Werte, um die Welt lebensfreundlich gestalten zu können. Maßstab für christliche Orientierungsmuster ist die biblische Botschaft mit ihren grundlegenden Kriterien der Gerechtigkeit, des Friedens, der Liebe und des verantwortlichen Umgangs mit allem Leben. Bildungsprozesse in der Evangelischen Jugend intendieren, dass junge Menschen eine durch diese Maßstäbe qualifizierte kritische Vernunft ausbilden, die zur Orientierung in einer unübersichtlichen Zeit und einer widersprüchlichen Welt befähigt. Sie intendieren, dass junge Menschen in kritischer Anknüpfung an die biblische jüdisch-christliche Tradition und ihre überlieferten Werte sowie in Auseinandersetzung mit ihrer gegenwärtigen Lebenswelt eigene Orientierungsmuster, Motivationen und Verhaltensbereitschaften ausbilden, um die Welt in individuellen, gesellschaftlichen und globalen Horizonten lebensfreundlich, gerecht und überlebensfähig zu gestalten. Dazu gehört, dass junge Menschen Kompetenzen erwerben, um sich über Zusammenhänge zu informieren, um gesellschaftliche und globale Prozesse und politische Entscheidungsabläufe zu durchschauen und Visionen für ein gerechtes und zukunftsfähiges Leben in der Einen Welt zu entwickeln.

6. Lebenspraktische Kompetenzen in der Zivilgesellschaft
Leben bedeutet in jüdisch-christlicher Tradition Lebensgestaltung in der Zivilgesellschaft und erfordert Lebensweisheit und Praxiskompetenzen im Alltag. Im Raum Evangelischer Jugend erwerben junge Menschen eine Vielfalt an lebenspraktischen Fähigkeiten, die auf die Bewältigung des eigenen (Alltags-) Lebens und auf konstruktives Mitgestalten und Partizipation in der Zivilgesellschaft übertragbar sind. Jugendliche erwerben in verschiedenen Angeboten ergänzendes Wissen, soziale und lebenspraktische Kompetenzen zur Bewältigung ihrer Alltagsproblematiken. Insbesondere ehrenamtliche Mitarbeiter(innen) erwerben durch ihre Praxis und ihre Erfahrungen in jugendverbandlicher Arbeit Grundkompetenzen für ihr Leben und das Mitgestalten der 6 Zivilgesellschaft: demokratische und kommunikative Kompetenzen, Perspektiven zur Einmischung und Partizipation, Verantwortungsfähigkeit und Handlungswissen für das Gelingen zivilgesellschaftlicher Prozesse.

7. Leben in Beziehungen
Menschliches Leben ist auf Beziehungen angewiesen. Die lebensfreundliche Gestaltung von Beziehungen erweist sich nach biblischem Verständnis als segensreich für die Einzelnen und für die Gesamtheit der menschlichen Gesellschaften. In den Gruppen und Angeboten der Evangelischen Jugend ereignet sich soziales und kommunikatives Lernen. Beziehungen zu Menschen, zu Gleichaltrigen, Jüngeren und Erwachsenen sowie zu Jugendlichen mit anderen Lebenshintergründen und aus anderen Erfahrungskontexten ermöglichen exemplarisch den Erwerb von Kompetenzen und Verhaltensstrategien zur lebensfreundlichen Gestaltung von Beziehungen, die auf andere Lebenszusammenhänge übertragen werden können.

- Durch das Erleben von unterschiedlichen Standpunkten und von Differenzen werden Kompetenzen zur Wahrnehmung von anderen und von Fremdem und die Fähigkeit zur Rollenübernahme und zum Perspektivwechsel erworben.

- Das Aushandeln von unterschiedlichen Meinungen, Interessen und Bedürfnislagen, die Bewältigung von Konflikten, produktives Streiten und das Entwickeln darüber hinausgehender Gemeinsamkeiten werden eingeübt und praktiziert.

- Beziehungen sind ein Lernfeld für die Bewältigung individueller und sozialer Krisen und Konflikte. Die Erfahrung erfolgreicher Bewältigung altersgemäßer Problemkonfigurationen in Beziehungsprozessen ermutigt und motiviert Jugendliche.

- In solchen Beziehungsdynamiken bildet sich eigene Identität durch selbstidentifizierende und abgrenzende bzw. unterscheidende Prozesse heraus. Durch für sie wichtige Personen als Gegenüber lernen Kinder und Jugendliche – in Übernahme, Auseinandersetzung und Abgrenzung – Einstellungen und Verhaltensstrategien zur eigenen Lebensbewältigung und zur Gestaltung der Welt. Erwachsene Bezugspersonen genauso wie Jüngere, die signifikante Lebenserfahrungen voraushaben, nehmen diese Rolle als Vorbilder und Verhaltensmodelle ein. Die Beziehung zu Erwachsenen hat für junge Menschen eine hohe Bedeutung: Erwachsene zeigen sich als Menschen in ihren Lebensprozessen, denen junge Menschen beim Erwachsen-Werden und Erwachsen-Sein zuschauen können. Erwachsene fungieren als authentische Anschauungsmodelle für den Umgang mit Leben, als herausforderndes Gegenüber, als Reibungsfläche und zur Abgrenzung. Kinder und Jugendliche erleben in der Evangelischen Jugend Erwachsene, denen sie vertrauen können, weil sie von ihnen als eigenständige Personen ernst genommen werden und weil die Erwachsenen für sie stützende und begleitende Partner(innen) in Lebensprozessen sind.

8. Leben in Beziehung zu Gott
Der Mensch ist nach biblischem Verständnis auf Gott hin geschaffen und in eine Lebensbeziehung mit Gott gerufen. Religiöse Bildung ist ein Kernelement der Evangelischen Jugend. Religiöse Bildung hat verschiedene Dimensionen:

- Christlicher Glaube ist integratives und prägendes Moment jeglicher Form von Bildung im Raum Evangelischer Jugend. Er prägt die Motivationen und Lebenshintergründe der ehrenamtlichen und hauptberuflichen Mitarbeiter(innen), die Bildungsinhalte und Bildungsziele und auch die Arbeitsformen sowie die sozialen und kommunikativen Prozesse im Rahmen Evangelischer Jugend.

- Evangelische Jugend intendiert explizite religiöse Bildung. Ziel ihres Bildungsbemühens sind religiös mündige, kritikfähige, entscheidungsfähige und verantwortungsfähige junge Menschen. Die Evangelische Jugend nimmt in diesem Prozess Kinder und Jugendliche als Subjekte ihres eigenen Glaubens mit altersspezifischer Perspektive und mit altersspezifischer Religionskompetenz ernst.

- Als eigenständiger Teil von Kirche hat die Evangelische Jugend die Intention, dass junge Menschen in ihrem Raum christliche Identität ausbilden und Kompetenzen in allen Bereichen christlichen Glaubens erwerben können: Dazu zählen religiöses Wissen, religiöse Wahrnehmungsfähigkeit und Sensibilität, die Fähigkeit zu religiöser Kommunikation und zu Handeln aus Glauben. Evangelische Jugend ist eine christliche Lerngemeinschaft, in der Jugendliche und Mitarbeitende authentisch ihren Glauben zeigen, gegenseitig Fragen stellen und aushalten und Antwortversuche geben. Die Evangelische Jugend ist eine Lerngemeinschaft, in der Jugendliche als für ihr eigenes Leben kompetente und verantwortliche „Theolog(inn)en“ ihre eigenen Antworten finden und mit Glaubenspraxen experimentieren. Die Evangelische Jugend bietet Räume für eigene und altersgemäße christlich-religiöse Erfahrungen. Sie begleitet Kinder und Jugendliche bei der persönlichen Aneignung und Reflexion christlich-religiöser Erfahrungsfelder und fördert die Entwicklung eigenständiger spiritueller Kompetenz. Religiöse Bildung im Raum Evangelischer Jugend fördert die religiöse Sprachfähigkeit von Kindern und Jugendlichen:

- in der Auseinandersetzung mit der eigenen Religion und religiösen Biografie
- in der Binnenkommunikation als Verständigung über den eigenen Glauben, die Aneignung christlicher Symbol-Sprache, die Entwicklung einer eigenständigen Lebensdeutungssprache aus Glauben heraus und die Fähigkeit, über Glaubensverständnisse und Glaubenserfahrungen miteinander reden zu können
- in der Außenkommunikation als (konstruktive) Fähigkeit zum Dialog mit anderen Religionen und Kulturen, Sinnsystemen und Lebensdeutungsmustern (interreligiöser/ interkultureller Dialog) und als Fähigkeit, eigenen Glauben authentisch zu bezeugen (missionarische Sprachfähigkeit).


IV. Gegenwärtige Herausforderungen Bildungsschwerpunkte der Evangelischen Jugend Gelingendes Leben in einer globalisierten Welt und in gegenwärtiger Kultur stellt Kirche und Gesellschaft und damit die Evangelische Jugend vor bestimmte Bildungsherausforderungen:

- Das Überleben in der Einen Welt erfordert ökologische Kompetenz und Friedensfähigkeit. - Das gerechte Zusammenleben in der Einen Welt erfordert die Ausbildung von Sensibilität für Gerechtigkeit und Handlungsfähigkeit in einer globalisierten Welt (entwicklungspolitische Bildung).
- Gerechtes Zusammenleben der Geschlechter erfordert Gender-Kompetenzen und geschlechtergerechtes Handeln.
- Europäisches Zusammenwachsen und die Gestaltung einer zunehmend multikulturell und multireligiös geprägten Gesellschaft erfordern interkulturelle und interreligiöse Kompetenzen.
- Gesellschaftliche Konflikte und Widersprüche erfordern soziale und politische Kompetenzen. - Eine pluralisierte, oft unübersichtliche und entgrenzte (maßstabslose) Gesellschaft erfordert die Ausbildung von Wertorientierungen und von Verantwortungsfähigkeit.
- Eine medial dominierte Kultur erfordert Medienkompetenz.
- Leben in einer Gesellschaft mit der Tendenz zu bedenkenlosem Konsum erfordert die Entwicklung von Maßstäben für Lebensqualität in der Spannung zwischen verantwortungsvollem Genuss und sinnvollem Verzicht.
- Christliches Leben in einer teils säkularisierten, teils pluralistisch formierten Kultur des Marktes religiöser und sinnstiftender Angebote erfordert die Ausbildung selbst verantworteter religiöser Identität und religiöser Sprachfähigkeit. Diese Herausforderungen nimmt die Evangelische Jugend wahr. Sie setzt in ihren Bildungsprozessen entsprechende Schwerpunkte. Junge Menschen erwerben und entwickeln durch verschiedene Formen und Methoden Kompetenzen, um ihre Lebenswelt und ihre Kultur zukunftsfähig zu gestalten.