27.12.2009

Ein Gruß mit Identifikationsproblemen

Kategorie: EJKW
Auch in im Jahr 2010 wird das Thema "Corporate Identity" der "Evangelischen Jugend von Westfalen" ein wichtiges Thema in den entsprechenden Gremien sein.

Jahresthema

Auch in im Jahr 2010 wird das Thema "Corporate Identity" der "Evangelischen Jugend von Westfalen" ein wichtiges Thema in den entsprechenden Gremien sein. Es geht um ein wiedererkennbares Erscheinungsbild (Corporate Design), aber darüberhinaus eben auch um einen gemeinsamen "Geist", ein Flair, das, was alle verbindet, die sich unter der "Dachmarke" "Evangelische Jugend von Westfalen" betätigen wollen / sollen / dürfen. Zumindest das "Amt für Jugendarbeit" (quasi eine kirchliche Verwaltungsbehörde für Jugendarbeit in der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW)) möchte  die CI-Frage weiter vorantreibe - und ein "Image" kreieren. Doch das führt in die Irre. Ein Kommentar zum Jahresthema von Timo Rieg.

Vor welchen Problemen dieses Vorhaben steht, zeigt beispielhaft die unbenommen nette Grußkarte zum neuen Jahr (Abbildung). Sie wurde verschickt vom Amt für Jugendarbeit (stets kurz "Amt" oder nach der Residenz "Villigst" genannt). Das darauf beworbene "Jahresthema 2010: Inklusion" hat wohl auch ausschließlich das "Amt" festgelegt, jedenfalls ist mir kein demokratisches Entscheidungsverfahren oder auch nur ein Brainstorming dazu bekannt.
Das ist okay, denn wer wenn nicht ein Amt mit hauptberuflich Tätigen sollte sich ein Jahresmotto geben, eine Parole, was man im neuen Jahr anpacken möchte. Andere tun es nicht und können es auch formal nicht tun: das Amt arbeitet, von Weisungen der Kirchenleitung bzw. des Landeskirchenamtes abgesehen, dem es untersteht, recht autonom. Die Jugendkammer (als Ausschuss der Kirchenleitung) befasst sich nicht mit den Alltäglichkeiten, und die EJKW als Zusammenkunft praktizierender haupt- und ehrenamtlicher Jugendarbeiter hat nichts zu melden (die EJKW kann das Amt allenfalls beraten).

Doch auf der Grußkarte finden sich mindestens drei, wenn nicht vier verschiedene Absender: Da steht zunächst einmal am größten auf der Rückseite "Evangelische Jugend von Westfalen". Zu diesem Begriff habe ich mich schon oft in den letzten Jahren geäußert, ich will es nicht breit wiederholen: natürlich gibt es die evangelische Jugend von Westfalen, es sind alle evangelischen Jugendlichen in Westfalen, evtl. auch nur die, die der EKvW angehören, das wäre dann eine Frage des Markenrechts oder auch wahlweise eine Frage der Vernunft. Aber diese evangelische Jugend artikuliert sich nicht in Gänze, sie tritt nirgends als solche in Erscheinung, sie hat keine Gremien, schon gar keine demokratischen, sie kann sich nicht als artikulieren und sie gibt daher auch ganz gewiss keine Jahresthemen aus. Die evangelische Jugend von Westfalen sind hunderttausende Kinder und Jugendliche, von denen die meisten nicht einmal bewusst evangelisch sind, die vielleicht in Taufregistern geführt und irgendwann kirchensteuerpflichtig werden, es sind engagierte Jugendliche darunter, die in ihrer Gemeinde oder im CVJM, bei den Pfadfindern oder im Kindergottesdienst mitwirken, es sind viele Konfirmanden (die wohl in den meisten Gemeinden größte Zahl kirchlich wahrnehmbarer Jugendlicher). Es ist völlig legitim für jedermann, sich an diese evangelische Jugend zu wenden, und für die Kirche ist es auch Pflicht. Aber als Absender? Als Absender von egal was kommt sie nicht in Betracht - es wäre so, als würden sich "die Jugendlichen in Deutschland" zu Wort melden sollen. Unmöglich. Und sicherlich nicht nur in der bisherigen Struktur.
Als zweites finden wir als Absender die Evangelische Kirche von Westfalen. Das ist nun auch wieder eine ganz große Nummer, gemeint ist wohl nur das Headquarter, die oberste Leitungsebene in Bielefeld, also die Landessynode als Delegiertenversammlung der Kirchenkreise oder ihre Geschäftsführung, die Kirchenleitung (mit dem Präses an der Spitze). So sehr auch evangelische Jugend von Westfalen Evangelische Kirche von Westfalen sein mag, so wenig kann allerdings dieser "Kirchenkopf" für die Jugend sprechen. Denn die evangelische Jugend kommt - egal in welcher Schattierung oder Ausdünnung -  bekanntlich dort nicht vor. Jugendliche haben weder in der Landessynode noch gar in der Kirchenleitung etwas zu melden - es gibt sie dort nämlich nicht (von einzelnen "Beratungen" abgesehen). Der Kopf der Evangelischen Kirche von Westfalen ist so sehr Jugend wie ein Kultusministerium Schüler ist.
Als dritter Absender ist - am kleinsten - das bereits erwähnte "Amt für Jugendarbeit der Evangelischen Kirche von Westfalen" angegeben. Eben ein Amt, eine Verwaltungsstelle der Kirche, das diverse Dienstleistungen erbringt, wie es sich für ein Amt gehört.
Der Neujahrsgruß selbst, der sich zunächst an die "Kolleginnen und Kollegen" richtet, ist vom Landesjugendpfarrer unterzeichnet. Der ist Chef des Amtes, aber letztlich doch noch eine vierte Größe, weil er nach westfälischem Landeskirchenrecht "die Jugend" vertritt, ohne dass diese Einfluss darauf hätte. Der Landesjugendpfarrer wird von der Kirchenleitung (nicht etwas der Landessynode als "Parlament") ernannt - Jugendliche spielen auch dabei keine Rolle.
Das war nun - lang und breit -  der formale Betrachtungsakt. Dieser alleine schon sollte zeigen, dass die Bemühungen um ein "Image" für die gesamte evangelische Jugend (und ja offenbar nicht nur diese, denn da wollen ja auch noch Ämter und Leitungen mit hinein) zu nichts als Etikettenschwindel führen kann.
Es sind einfach sehr unterschiedliche Interessen, Sichtweisen und Lebenswirklichkeiten, die hier unter einer "Marke" vereint werden sollen. Dabei zeigt ein Blick in den Text - und das ist der andere Betrachtungsakt - sehr deutlich, wer hier spricht: "Evangelische Jugend ist offen für alle. So unser Wunsch und das Empfinden der Jugendlichen. [...] Deshalb lautet unser Jahresthema Inklusive Pädagogik." Das ist nun mehr als deutlich top-down, von oben nach unten, eine Sichtweise von (Ober-)Pädagogen (Erziehern) auf Jugendliche und untergeordnete Pädagogen (Erzieher). Bis auf zwei, drei gremienverblödete Jungfunktionäre wird man in ganz Westfalen keine Jugendlichen finden, die sich als Jahresparole eine "Inklusive Pädagogik" wünschen, zudem noch unter dem völlig kryptischen Stichwort "Inklusion".

Das Anliegen, das dahinter stecken mag, wird sicherlich von vielen Jugendlichen geteilt: Behinderte nicht auszugrenzen. Das ist, sofern leistbar, in den meisten aktiven Gemeindejugenden so selbstverständlich, dass man sich schämen würde, es als neue, bisher unbewältigte Aufgabe zu sehen.  

Als Schwerpunktthema eines Amtes für ein Jahr hingegen ist es okay - man kann sich mit den begrenzten Ressourcen dort nicht ständig um alles kümmern, was irgendwie in der Jugendarbeit anliegen könnte. Aber damit ist es eben - wie eingangs gesagt-  ein sinnvolles Thema für ein Amt, für eine einzelne Einrichtung mit ein paar Mitarbeitern. Aber es ist kein Motto für eine komplette Jugendgeneration, die sich als solche dazu gar nicht äußern kann, die sich das Motto weder geben noch es umzusetzen vermag.

Vor diesem Problem werden alle Bemühungen stehen, für die gesamte evangelische Jugend in oder von Westfalen zu sprechen. Auch deshalb- neben vielen anderen Gründen, die jetzt nicht hier erörtert werden, auf die die LJV aber schon häufig hingewiesen hat, - auch deshalb ist es unsinnig, über Corporate Identity der evangelischen Jugend nachzudenken. Weit hilfreicher wäre es, die vielen verschiedenen Initiativen, Bemühungen und Aktivitäten zu sehen und wenigstens einzelne im Rahmen des Möglichen zu würdigen, zu unterstützen, zu promoten.
Dazu müssten allerdings - und das wird ihnen nicht schmecken -  Amt, Kirchenleitung und Landesjugendpfarrer Kellner und nicht Koch zu sein versuchen.  
(Timo Rieg ist Sprecher des LJV-Beirats für Partitzipation und war 1997 Initiator für die Gründung der Landesjugendvertretung Westfalen)